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Berliner Siegesparade von 1871 : Feier des Reiches aus Eisen und Blut

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Wilhelm Camphausens Darstellung der Siegesparade durchs Brandenburger Tod am 16. Juni 1871, veröffentlicht 1875 Bild: akg-images

Vor hundertfünfzig Jahren erlebte Berlin eine der größten Massenveranstaltungen des neunzehnten Jahrhunderts: die Siegesparade nach dem Deutsch-Französischen Krieg.

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          Nicht auf der Tribüne, sondern auf dem Schlachtfelde ist die Einheit Deutschlands erfochten worden.“ Mit dieser markigen Interpretation der Ereignisse, die zur Kaiserproklamation in Versailles geführt haben, greift der Maler Anton Teichlein im Reichsgründungsjahr 1871 rhetorisch auf einen berühmten Spruch Bismarcks zurück: „Nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut.“ Mit der durch den Sieg im Deutsch-Französischen Krieg ermöglichten, von oben verordneten Einigung Deutschlands hatten Bismarcks Worte aus einer Rede von 1862 den Rang einer Prophetie erhalten.

          Als Grundstein des neuen Reiches galten dementsprechend nicht die zivilen Einheitsbestrebungen seit dem Vormärz, die wegen ihrer demokratischen Tendenzen in den Augen der Herrschenden ohnehin missliebig waren, sondern die militärischen Erfolge Preußens und seiner Verbündeten. Die Glorifizierung des Deutsch-Französischen Kriegs als Vater aller Dinge fand ihren Ausdruck in politischen Reden und Ritualen, in der Geschichtsschreibung und nicht zuletzt in der Produktion von Bildern: Massen von Gemälden, Flugblättern, Bilderbögen, illustrierten Kriegschroniken und später auch Denkmälern verhalfen der herrschenden Geschichtsdeutung zur Verbreitung. Selbst Schnupftücher wurden zu beliebten Bildträgern für Schlachtenszenen.

          Die Mutter aller Siegesfeiern

          Eine besondere Rolle für die Verankerung des Triumphs über den „Erbfeind“ im kollektiven Gedächtnis spielten Siegesfeiern. Schon nach der französischen Kapitulation von Sedan am 2. September 1870 versammelten sich jubelnde Volksmassen in Berlin am Brandenburger Tor. Weitere Feierlichkeiten folgten im Reichsgründungsjahr. Einen Höhepunkt erreichte der Siegesrausch mit dem monatelang vorbereiteten Einzug von Kaiser Wilhelm I. mit seinen Truppen in Berlin am 16. Juni 1871, heute vor 150 Jahren.

          „Ein lawinenartig heranrollender Hurrahruf markiert überall das Erscheinen des Triumphzuges“, heißt es in einer offiziösen Beschreibung der Parade, deren Regie nicht nur auf die Anziehungskraft des Kaisers und seiner Krieger, sondern auch auf die Macht der Kunst setzte. Die Zeitgenossen schwärmten von der Wirkung der Dekorationen entlang der für den Einmarsch abgesteckten Via Triumphalis. „So schritt das Heer“, schreibt der Kunsthistoriker Bruno Meyer, „zwischen Flaggenmasten dahin, die mit Bannern, Fahnen und Wappenschilden verziert und durch Laubgehänge verbunden waren, ein Anblick voll heiterer, farbenfreudiger Pracht.“

          Die Pracht war vor allem aus Gips und Pappe

          Es war eine Pracht aus Holz, Gips und Pappe, aber mit Mut zur Monumentalität und zu großen Gesten. Bereits an der Stadtgrenze durch einen Ehrenbogen auf ihren Triumphmarsch eingestimmt, wurden die preußischen Truppen am Halleschen Tor von einer mehr als zwanzig Meter hohen Kolossalstatue der Berolina als Personifikation der Hauptstadt empfangen, die ihnen einen Lorbeerkranz entgegenstreckte. Am Askanischen Platz erinnerten Trophäengruppen an die Siege von Weißenburg, Wörth und Spichern. Am Potsdamer Platz grüßte sie die Siegesgöttin Viktoria als Symbol für den Triumph von Sedan. Berge von Beutekanonen fassten ihren Sockel ein, zu beiden Seiten thronten Personifikationen der eroberten Städte Straßburg und Metz.

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