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Corona-Regeln in Berlin : Stinkefinger

  • -Aktualisiert am

Von der Protestkultur lernen: Hier zeigt ein Gegendemonstrant der „Querdenker“-Bewegung in Konstanz den Teilnehmern den Mittelfinger. Bild: dpa

Mehr als eine Verzweiflungstat: Der Berliner Senat zeigt den Bürgern den Mittelfinger, um sie zur Einhaltung der Corona-Regeln zu bewegen. Das ist Politik mit vulgären Mitteln.

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          Nun ist der Beweis erbracht: Berlin hat die Geduld verloren – und den Verstand. Durften wir eben noch erleben, wie der Regierende Bürgermeister Michael Müller im Namen der Freiheit am neudeutschen Beherbergungsverbot rüttelte, lehrt uns jetzt ein Blick in die tägliche Lokalpresse: In der Hauptstadt ist Toleranz für Regelverweigerer nicht mehr angesagt. Damit es auch wirklich jeder versteht, greift der Senat zum bewährten Mittel der Publikumsbeschimpfung und zeigt uns, den Bürgern, die nicht sofort spuren, den Mittelfinger. Die Stadt lässt dafür in einer Anzeige eine alte Frau mit geblümter Maske posieren, die mit trotzigem Blick den Stinkefinger in die Kamera hält, während daneben zu lesen ist: „Der erhobene Zeigefinger für alle ohne Maske. Wir halten die Corona-Regeln ein. #BerlinGegenCorona“.

          So ist das also in der Partymetropole Berlin, in der man seit geraumer Zeit keine Party mehr machen darf, woran sich aber kein Mensch hält, jedenfalls niemand, der Party machen will, weshalb wir uns nun bekanntermaßen im Risikogebiet wähnen – da kann man Symbole der Moral und ihr vulgäres Gegenteil schon einmal verwechseln. Denn soweit wir wissen, hat der gestreckte Stinkefinger mit dem tugendhaft erhobenen Zeigefinger nicht viel gemein, und wenn das ein Scherz sein soll, kann man über dessen Sinn nur rätseln.

          Das Volk für dumm verkaufen

          Da war die Sache bei Peer Steinbrück damals, vor etwa sieben Jahren, schon viel einfacher. Als sozialdemokratischer Kanzlerkandidat zeigte er im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ kess seinen Mittelfinger in die Kamera. Was war in den erfahrenen Politiker gefahren, ein solches Bild freizugeben? Die Aufregung war groß, die moralische Empörung ließ nicht lange auf sich warten. Selbst die suizidale SPD kam nicht auf die Idee, diese unanständige Geste mit erhobenem Zeigefinger zu überschreiben.

          Der Berliner Fall aber ist mehr als eine Verzweiflungstat. Er verkauft das Volk für dumm und beleidigt es, als wäre die Regierung nicht auf seine Zustimmung angewiesen. Die Mehrheit der Bürger hält sich an die Maskenpflicht; und den renitenten Corona-Verharmlosern, die es nicht tun, ist mit einem Stinkefinger nicht beizukommen. Wer auf dieses primitive Mittel zurückgreift, leistet der Vulgarisierung der Politik Vorschub und macht die Gegnerschaft der unzweifelhaft notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens nicht kleiner, sondern größer. Das ist das Letzte, was eine Stadt wie Berlin, die bald nur noch aus Corona-Hotspots besteht, jetzt braucht.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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