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Berliner Schloss : Lesehilfe für ein Ding ohne Namen

Wird neuerdings in Autobahn-Kilometer umgerechnet: Die Fassade des geplanten Schloss-Neubaus Bild: Foerderverein Berliner Schloss e.V./ddp

Das Berliner Schloss befindet sich in der Krise: Der Bundesbauminister will die Barockfassaden nicht finanzieren, der Schlossverein kann es nicht. Wird hier ein steinernes Zeichen des Scheiterns gesetzt?

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          Stellen wir uns einen englischen Touristen vor, der im Jahr 2020 mit seinem deutschen Begleiter Unter den Linden entlang zum Schlossplatz läuft. Zwischen Zeughaus und Neuer Kommandantur tritt ein breiter, vierstöckiger Rechteckbau aus sandgelb gestrichenem Stahlbeton in sein Blickfeld. Ein portalartiger Vorsprung in der westlichen Gebäudefront ist mit grauen Betonplatten verblendet, in denen zahlreiche Bohrlöcher bizarre Muster bilden. Auch über den Fenstern der unteren drei Stockwerke sind Bohrlöcher zu sehen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Was ist das?“, fragt der Brite. „Das Berliner Schloss“, antwortet sein Gastgeber. „Und warum ist es nackt?“, will der Tourist wissen. „Weil das Geld für die Fassade nicht gereicht hat“, erklärt der Deutsche. – „Ist sie denn so teuer?“ – „Sie kostet achtzig Millionen Euro. Das sind nur zehn Kilometer Autobahn. Aber das Bundesbauministerium hat die Kosten an einen privaten Förderverein weitergereicht, und der konnte nicht genügend Spenden sammeln.“ – „Warum hat die Regierung den Betrag nicht vorgestreckt?“ – „Das ist eine Frage des Prinzips.“

          Es geht in der Tat um Prinzipielles beim Wiederaufbau des Berliner Schlosses, nicht nur, was die Fassade betrifft. Es geht zum Beispiel darum, ob ein Bundesbauminister die Kosten für eine Kuppel, die den Schlossbau zum dritten Wahrzeichen Berlins nach dem Reichstag und dem Brandenburger Tor machen würde, in Autobahnkilometer umrechnen darf. Würde man diesen Maßstab an sämtliche Bauprojekte des Bundes anlegen, dann könnte man etwa mit den eineinhalb Milliarden für den hauptstädtischen Neubau und den Umzug des Bundesnachrichtendienstes die halbe Strecke von Berlin nach München bauen. Aber Peter Ramsauer wollte gar nicht ernsthaft die Rekonstruktion der Schlosskuppel Friedrich August Stülers gegen die anstehende Asphaltierung des Südharzes abwägen. Er wollte zeigen, dass ihm die Kuppel gleichgültig ist.

          Der Ausschreibungstext des Architektenwettbewerbs gab 2008 eine eindeutige Anweisung: „Eine Kuppel ist vorzusehen” - gemeint war die Stülerkuppel Franco Stellas (Bild) und kein stählerner Eierwärmer

          Die Abgeordneten haben nicht für ein Stahlgerippe votiert

          Das ist ihm gelungen. Der Schlag sitzt tief, besonders in seinem eigenen Ressort. Inzwischen wagt im Bundesbauministerium und der von ihm abhängigen „Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum“ niemand mehr, öffentlich von einer Verpflichtung des Bundes zum Bau der Kuppel und der barocken Fassaden zu sprechen. Doch noch immer wirbt die Stiftung, die als Bauherr des Projekts auftritt, auf ihrer Website mit dem überarbeiteten Modell von Franco Stella samt Barockfassaden, Schlüterhof und Stülerkuppel, als könnte das Bild das fertige Schloss herbeizwingen.

          Auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, unter deren Ägide das Weltkulturenmuseum alias Humboldt-Forum in dem Bau Gestalt annehmen soll, verkauft ihr Konzept der Agora im Eosanderhof mit einer Ansicht jenes Innenrisalits vom westlichen Schlossportal, der selbst bei einer allmählichen Vervollständigung der Fassade erst zuallerletzt gebaut würde. Man könnte diesen hartnäckigen Illusionismus als Verteidigung der Schlossvision in Schutz nehmen. Aber seit dem Ende des Architektenwettbewerbs im November 2008 ist das Schloss keine Vision mehr, sondern ein vollständig durchgeplantes Gebilde, das nur noch Realität werden muss. Dafür, und nicht nur für ein Stahlbetongerippe, haben die Abgeordneten des Bundestags im Juli 2002 mit Dreiviertelmehrheit gestimmt. Es sieht nicht so aus, als ob sie es bald bekämen.

          Dass der Förderverein Berliner Schloss, der die Spenden für die Barockfassaden und den Schlüterhof einwerben soll, die veranschlagten achtzig Millionen nicht bis zum Baubeginn im kommenden Jahr würde aufbringen können, war jedermann klar, seit der damalige Bundesbauminister Tiefensee im Januar 2007 seinen „konzentrierten Entwurf“ vorgestellt hatte. Um die Haushalter des Bundestags für seine Pläne zu gewinnen, hatte Tiefensee aus der bis dahin gehandelten Bausumme von knapp siebenhundert Millionen Euro drei teure Posten herausgerechnet: keine Tiefgarage, kein Hotel – und die Fassade als „Bürgerprojekt“. Ähnlich war auch der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche durch Spenden finanziert worden.

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