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Berliner Schloss : Der lange Weg zum postmodernen Barock

So viel Preußen muss sein: Der siegreiche Entwurf von Franco Stella Bild: ddp

Franco Stella war nicht allein: Die Ausstellung mit dem Entwürfen zum Stadtschloss zeigt Berliner Luftschlösser mit Kuppeln aller Art. Und offenbart, wie problematisch die Festlegung auf das eklektische „Humboldt-Forum“ ist.

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          Es gibt viel mehr Kuppeln, als unser Schulverstand sich träumen lässt. Das ist das augenfällige Ergebnis des Architektenwettbewerbs für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses, dessen wichtigste Entwürfe seit vorgestern im Kronprinzenpalais Unter den Linden ausgestellt sind. Es gibt flache, geschichtete, gewundene, gekappte, gesträubte, gerasterte, ei-, netz-, kronen- und beulenförmige Kuppeln, Kuppeln nach dem Vorbild der Turiner Mole Antonelliana, des Reichstags von Norman Foster oder des römischen Pantheons, und alle sind sie von den dreißig Teilnehmern der letzten Wettbewerbsrunde über die Westfront des Schlosses gesetzt worden.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dass er mit seinen eng gefassten Kriterien der modernen Architektur keine Chance gebe, war der Hauptvorwurf der Branche gegen den Auslobungstext. Nun sieht man, wie sich die Phantasie der Zeitgenossen an der Kuppel ausgetobt, wie sie Zitate, Visionen und Platitüden in verwirrender Vielfalt entworfen und aufgetürmt hat. Nur eine wirkliche Alternative zu der Schlüterkuppel, wie sie der italienische Architekt Franco Stella in seinem Siegerentwurf vorsieht, ist nicht dabei.

          Der heimliche Zweite

          Es sei denn, man lässt die Kuppel weg. Dazu haben sich die drei Architekten des Berliner Büros Kuehn Malvezzi entschlossen, deren mit einem Sonderpreis ausgezeichneter Entwurf der heimliche Zweite dieses Wettbewerbs ist. Indem sie den Westflügel des Schlosses als reinen Kulissenraum ohne Innenausbau gestalten und mit einem beleuchteten Flachdach aus Glas und Weißmetall krönen, schaffen sie ein von allen Seiten begehbares Atrium, das zu den spiralförmig angelegten Museumsbauten des Humboldt-Forums führt. Auch bei der Schlosshülle schwimmen Kuehn Malvezzi gegen den Strom: Statt aus Faserbeton mit Sandstein-Effekten wollen sie die Fassade im Geist des barocken Palazzo Carignano in Turin zunächst vollständig aus roten Ziegeln bauen, denen erst in einem langen Ergänzungsprozess die einzelnen Sandsteinornamente aufgesetzt werden.

          Franco Stellas Vision für den Ausbau des Eosanderhofs

          Beides, die provisorische Gestalt der Fassade wie die unkonventionelle Deutung des Eosanderhofs, verstößt ebenso eklatant gegen den Text der Ausschreibung, wie es umgekehrt als bauliche Form für ein Museum der Weltkulturen sofort einleuchtet. Wenn das Preußentum des neuen Schlosses nur Kulisse ist, warum soll man es nicht als solche behandeln? Kuehn Malvezzi legen mit ihrem in sich schlüssigen Vorschlag den Finger in die offene Wunde des Schlossprojekts, die auch durch Franco Stella nicht geschlossen wird – den tiefen Widerspruch zwischen seiner politisch gewünschten Gestalt und der Nutzung, für die es vorgesehen ist.

          Betonbastionen an der Spree

          Wie groß der Vorsprung von Stellas Entwurf gegenüber den vier dritten Preisträgern des Wettbewerbs ist, sieht man an den Konzepten für den unrekonstruierbaren Ostflügel des Schlosses, die sogenannte Spreeseite. Obwohl auch Stellas Plan eines „Belvedere“ aus drei Loggiengeschossen und einem Galeriegang zu wünschen übrig lässt, wirken die Alternativvorschläge noch trostloser. Christoph Mäckler will die Form des vorbarocken Kurfürstenschlosses durch ein Ensemble von Pseudotürmen und -toren, Längs- und Querkuben bewahren, das an eine nicht zu Ende gedachte Operndekoration erinnert.

          Eccheli e Campagnola aus Verona schieben drei gewaltige Betonbastionen an die Spree vor, als müsste Berlin ein zweites Mal gegen die Schweden verteidigt werden. Hans Kollhoff huldigt dem untergegangenen Renaissanceschloss mit einem Vorbau in Gestalt eines klassischen Elektrizitätswerks, dem nur die passenden Turbinen fehlen. Nur Jan Kleihues gibt der Spreeseite durch einen in sich gestaffelten und zum Fluss hin geöffneten Baukörper mit Kolonnadenfront und hohen Fenstern ein ansprechendes Äußeres, dessen Eleganz aber durch die klotzige und wie angeklebt wirkende Rekonstruktion des einstigen Apothekerbaus im Nordosten stark beeinträchtigt wird.

          Die Stunde der Wahrheit

          Im Inneren des Schlossbaus ging es vor allem darum, zusätzlichen Platz für die voluminösen ethnologischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu schaffen. Fast alle Preisträger nehmen dafür den Eosanderhof, den westlichen der beiden Schlosshöfe, in Beschlag. Während sich Franco Stella an Norman Fosters Glasdach für das Britische Museum orientiert, sieht Hans Kollhoff den Schlosshof als großes Theater, auf dessen Rängen sich das Schauspiel der Weltkulturen abspielt. Eccheli und Campagnola wollen die Ruinenarchitektur, die sie außen nicht bauen dürfen, mit Backsteingalerien und Säulenresten ins Innere des Schlosses holen. Bei Christoph Mäckler dagegen sieht Eosanders Hof wie der Eingang eines postmodernen Antikenmuseums aus: oben Strukturstein, unten Betonpfeiler, dazwischen Götterstatuen – ein treffendes Bild für den Stil- und Stoffmischmasch, der die Rekonstruktionsarchitektur beherrscht.

          Und das Schloss? Stellas Entwurf, soviel scheint sicher, wird im Bundestag angenommen werden. Dann kommt die Stunde der Kostenplaner, Sachverständigen und Subunternehmer. Und die Stunde der Wahrheit für das Humboldt-Forum.

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