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Demo für Ungarns Studenten : Der Hoffnungsschimmer des Protests

Studenten SZFE demonstrieren für den Erhalt der Universitätsautonomie. Bild: dpa

Die ungarische Regierung hat die Leitung der Budapester Universität für Theater und Film ausgetauscht. Der Protest dagegen findet im Netz statt. Auch von Berliner Studierenden kommt Solidarität.

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          Vor der Volksbühne, inmitten von Berlin, steht ein Pappaufsteller, der den Schauspieler Ernst Busch zeigt. Um seine Beine ist ein rotes Banner gelegt, auf dem mit schwarzer Schrift „Free SZFE“ geschrieben steht. Er blickt auf eine Menschenkette, die sich um den steinernen Theaterkoloss gelegt hat. Hand in Hand stehen die Studenten der gleichnamigen Berliner Schauspielschule an diesem Sonntag zusammen, um für die Autonomie der Budapester Universität für Theater und Film (SZFE) zu demonstrieren und die Studenten der ungarischen Hochschule zu unterstützen.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Mit leiser, aber vehementer Stimme tritt die aus Budapest stammende Puppenspiel-Studentin Enikö Szász aus der Menge und beginnt am Podium ein Gedicht des ungarischen Dichters Gábor Schein zu rezitieren: „Hier stehen sie und verteidigen die Hoffnung, die Zeit, alles, was zart ist wie ein Blütenblatt“. Enikö studiert in Berlin, hat aber viele Freunde an der Budapester Universität, die vom 1. September bis 10. November besetzt wurde, weil die ungarische Regierung und ihr Ministerpräsident Viktor Orbán die Hochschulleitung austauschte, studentische Gremien entmachtete und eine zentralistische Stiftung schuf, die die Universität nun verwaltet.

          Die nächste Eskalationsstufe

          In ganz Ungarn und weltweit regte sich dagegen Protest. Einige Kritiker sprechen gar von der nächsten Eskalationsstufe im Kampf um die kulturelle Hegemonie im Land, befürchten eine Zersetzung der Wissenschaftsfreiheit auf ungarischem Boden.

          Enikö und ihre Kommilitonen aus Berlin haben sich deswegen versammelt, um den Besetzern den Rücken zu stärken. Man wolle zeigen, dass die Entmachtung eines demokratisch gewählten Senats und der Eingriff in die Lehrpläne inmitten der Europäischen Union immer noch geschehen könne, sagt sie. Die Beziehungen zwischen den studentischen Gremien der Ernst-Busch-Hochschule und der SZFE sind eng, fast täglich spreche man über die aktuellen Entwicklungen, sagt Lisette Holdack, Schauspielstudentin im vierten Jahr.

          Dieser Kontakt habe in den letzten Wochen noch zugenommen, denn die Studenten räumten das besetzte Gebäude nach mehr als sechzig Tagen freiwillig, aufgrund der Corona-Pandemie. „Deshalb müssen wir international aktiv sein. Zwar wird in Ungarn demonstriert, aber das System ist wie Beton. Es ändert sich nichts seit zehn Jahren“, sagt eine Gruppe ungarischer Studenten, die stoisch auf dem Vorplatz steht.

          Die Bewegung ist hochgradig digital

          Die Berliner Demo, die auch von den großen Bühnen der Hauptstadt unterstützt wird, ist die erste analoge Großdemonstration zur SZFE in Deutschland. Bisher verlief der Protest vor allem im Netz. Die #freeszfe- Bewegung ist hochgradig digital, ihre Botschaften für Kunst- und Wissenschaftsfreiheit verbreiteten sich über die sozialen Medien. Die gelben Masken mit „Free SZFE“-Aufdruck und das weiß-rote Absperrband, die auch von einigen Teilnehmern der Berliner Demonstration getragen werden, hüllten beispielsweise die Bildplattform Instagram in die Farben des ungarischen Protestes. Auf der Demonstration versammeln sich unterdessen mehr als hundert Menschen. Melancholisch ertönt ungarische Protest- und Indiemusik.

          Sarah Maria Grünig, die ebenfalls Schauspiel studiert und bei den Demonstrationen im Oktober in Budapest selbst anwesend war, beginnt ihre Rede mit einem Gedankenspiel: „Stell dir vor, von einem Tag auf den anderen übernimmt eine private Stiftung die Leitung deiner Hochschule. Stell dir vor, dass die Vorstandmitglieder alle keine Ahnung von Kunst haben. Stell dir vor, sie entscheiden darüber wer unterrichten darf. Ist dann nicht der einzige logische Schritt, Widerstand zu leisten?“

          Ein Hort der freien Künste

          Helga Lazar aus Budapest sieht das ähnlich. Sie ist selbst Absolventin der SFZE und kritisiert den Umgang der Fidesz mit der freien Kunstszene. Die SZFE sei eine der letzten Inseln in Ungarn gewesen, wo man Meinung und künstlerische Freiheit habe erleben können, sagt sie sichtlich bewegt. Der Gegenwind, der der ungarischen Regierung entgegenschlägt, ist nicht erstaunlich, denn die SZFE wurde 1865 gegründet, gehört zu den ältesten Theaterakademien Europas und war lange Zeit als Hort der freien Künste bekannt.

          Am Ende der Demonstration wird ein Brief französischer Intellektueller vorgetragen, der in „Le Monde“ erschien und zur geschlossenen Unterstützung der Dozenten, Studenten und Mitarbeiter der SZFE aufruft. Die Organisatoren der Demonstration planen einen ähnlichen Brief auch in Deutschland und sammeln Unterschriften. Bisher blieb der Protest der ungarischen Studenten ohne Ergebnis. Im Hintergrund ertönen wieder leise die Zeilen aus Scheins Gedicht: „Aber sie stehen dennoch hier, rühren sich nicht.“

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