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LGBTQI-Parcours im Bodemuseum : Gendersternchen nach Betlehem

  • -Aktualisiert am

Das Bodemuseum und die Spree im Abendlicht Bild: Picture-Alliance

Die „Vielfalt sexueller Identitäten“ bei Künstlern und Kunstwerken: Der Parcours „Spielarten der Liebe“ im Bodemuseum gleicht jener Suche nach „Stellen“, die Zensoren und hormongetriebene Jugendliche zu Liebesromanen greifen lässt.

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          Das Berliner Bodemuseum hat eine neue Attraktion: den Parcours „Spielarten der Liebe“. Mit ihm will das Museum, wie es mitteilt, einen Blick auf die „Vielfalt sexueller Identitäten“ in seiner Sammlung werfen, bei Künstlern und Kunstwerken – keine ganz taufrische, aber eine interessante Idee, verdienstvoll wie alles, was ein ungewohntes Licht auf gewohnte Objekte wirft. Doch schon am Morgen nach der feierlichen Eröffnung muss man die einzelnen Stationen des Rundgangs in den gut sechzig Sälen des Ihne-Baus wie Stecknadeln im Heuhaufen suchen. Hier eine heilige Lucia als Altarfigur, dort eine Wachsfigur von Leonardo, eine Elfenbeintafel aus Byzanz, ein Mars von Giambologna: keine Kleinigkeiten, gewiss, aber klein im Verhältnis zur Masse der Schätze im Bodemuseum und aus dieser Masse weder räumlich noch durch augenfällige Beschriftung herausgehoben.

          Die Texttafeln, die das Projekt erklären, stecken in Holzkästchen an der Wand, und was sie zu sagen haben, ist ein Drama eigener Art. Da wird von einer „homosexuellen humanistischen Subkultur“ geraunt, weil Willibald Pirckheimer auf sein Porträt von Dürer eine altgriechische Obszönität geschrieben hat; der tote Drache, auf dem ein 1520 in Lindenholz geschnitzter heiliger Georg steht, liegt „auf dem Rücken, wie bereit für den Geschlechtsakt“, und die Nymphen auf dem Phaeton-Relief von Il Moschino sind „unverblümt mit lesbischen Intimitäten beschäftigt“ (eine verdeckt die Brust der anderen mit der Hand).

          Nicht, dass das alles ganz falsch wäre – es ist nur so unverblümt unsinnlich, so betriebsblind auf das Eine starrend, es gleicht jener Suche nach „Stellen“, die Zensoren und hormongetriebene Jugendliche zu Liebesromanen greifen lässt. Dass berühmte Künstler homosexuell waren, dass der Lieblingsjünger Jesu sein Haupt an dessen Hals betten durfte und antike Krieger einander oft mehr als freundschaftlich zugetan waren, ist Primanerwissen. Insofern trägt der „Spielarten“-Parcours Eulen nach Athen oder Gendersternchen nach Bethlehem.

          Die Chance, sich beim Blick zurück von den Liebesvorstellungen einer nicht auf sexuelle Selbstfindung fixierten Gesellschaft inspirieren oder auch befremden zu lassen, verpasst er dafür ums Ganze. Sie sind ja alle da, sie stehen in den Museumssälen, die tränenseligen Madonnen und Jungfrauen, die entrückten Heiligen und gemarterten Jünglinge, die Asketen und keuschen Göttinnen mit ihren seltsamen psychosomatischen Varianten des Glücks. Man müsste nur die Scheuklappen ablegen, um sie neu zu entdecken. Aber das scheint von allen museumspädagogischen Übungen die schwerste zu sein.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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