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Galerie der Humboldt-Uni : Erinnert euch!

  • -Aktualisiert am

Will die Erinnerungskultur vor dem Senatssaal ändern: Humboldt-Universität zu Berlin Bild: ddp

Von wegen Meinungsfreiheit: Die Humboldt-Universität will ihre Porträts von Nobelpreisträgern abhängen und sie durch „Humboldtianer*innen mit Zivilcourage“ ersetzen. Dürfen wir jetzt nur noch sehen, was ideologisch gerade gefällt?

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          Eben noch schworen die meinungsprägenden Vielen auf Vielfalt, kämpften für die gute Sache und gegen „Rechts“ (wozu schon gehört, wer den unteilbar Vielfältigen nicht ohne Wenn und Aber zustimmt), predigten Toleranz und tolerierten nur das, was sie selbst für richtig hielten. Plötzlich aber häufen sich Appelle an einen liberalen Geist auch aus der Mitte jener, die den Vielen sonst gerne Beifall spendeten – denn wer will schon zu den rechten Gespenstern gezählt werden, die nicht nur den wahlkämpfenden Demokraten Angst und Schrecken einjagen. Die studentischen Tumulte gegen Bernd Lucke in Hamburg haben das Fass schließlich zum Überlaufen gebracht. Dass die Universitäten zunehmend Schauplatz einer hysterischen Politisierung werden, die Argumente zu einer Weltanschauungsfrage macht und keinerlei ideologische Abweichung erlaubt, rief selbst etablierte Toleranzprediger auf den Plan. Bundespräsident Steinmeier kritisiert „aggressive Gesprächsverhinderungen“, Bundesbildungsministerin Anja Karliczek warnt vor Meinungszensur, FDP-Chef Christian Lindner fühlt sich vom diskursiven Ausschluss selbst betroffen. Das Vielfaltsgerede weicht einer lauten Bejahung der Meinungsfreiheit, die nicht dort haltmacht, wo das Denken von den eigenen Ansichten abweicht.

          Auch die Humboldt-Universität zu Berlin (HU), die im Streit um den Historiker Jörg Baberowski nicht gerade eine rühmliche Rolle im Umgang mit unkonventionellen Positionen ihrer Mitarbeiter gespielt hat, stimmt ein in den neuen Chor der Meinungsfreiheitsverfechter. Kürzlich hat das Präsidium in einer öffentlichen Stellungnahme Studenten und Professoren zu einem respektvollen Miteinander aufgerufen, das Diffamierungen und Beleidigungen nicht zulassen dürfe. Wer nun aber glaubt, die HU habe sich mit diesen um Deeskalation bemühten Gemeinplätzen allzu geschickt aus der Affäre gezogen, wird sogleich eines Besseren belehrt, wenn er sich ein aktuelles Vorhaben der Historischen Kommission ansieht. In der Galerie vor dem Senatssaal des Hauptgebäudes hängen nämlich Porträts von Nobelpreisträgern, allesamt männlich und weiß. Wir ahnen es schon: Das kann in diesen politisch wachsamen Zeiten auf keinen Fall so bleiben, Toleranz hin oder her. Und so erneuerte die Universität auf Twitter gerade den sensationellen Aufruf aus dem historischen Institut: „Humboldtianer*innen mit Zivilcourage“ gesucht! Denn die sollen künftig die ehrwürdige Galerie schmücken, zumindest – was schon gleich viel weniger couragiert ist – für zwei Jahre, dann soll die nächste Wechselausstellung folgen.

          Schon phantasieren manche Aretha Franklin und Greta Thunberg an die Wand, wie die HU eifrig twittert. Wer braucht da noch Nobelpreisträger! Die stünden ohnehin nicht für das, „was die Mitglieder der Universität heute für einen legitimen Ausdruck von Erinnerungskultur halten“, ist in dem Aufruf der Historischen Kommission zu erfahren. An wissenschaftliche Errungenschaften zu erinnern ist in einer Universität also nicht mehr legitim? Darauf muss man erst mal kommen. Immerhin: Sogleich hat man eine konkrete Vorstellung davon, wie die neu umworbene universitäre Meinungsfreiheit künftig aussehen soll: Aus der Geschichte zu lernen heißt an der HU, nur das anzugucken, was uns heute ideologisch gefällt. Ein Narr, wer Böses dabei denkt.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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