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Berlin : Ein Kartenhaus fällt zusammen

  • -Aktualisiert am

Glanzlicht: die Museumsinsel mit dem Bode-Museum Bild: AP

Ein Galerist und Kurator als Rachegott, ein Sammler, der seine Werke zurückholen will und zwei Führungskräfte vor dem Abschied: Was ist bloß los bei den Staatlichen Museen zu Berlin und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz?

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          Was sich derzeit in und um die Staatlichen Museen zu Berlin und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz abspielt, spottet jedem Vergleich. Erst bläst sich ein Galerist und Kurator in einem Interview zu einem antiken Rachegott auf und rechnet mit dem Stiftungspräsidenten Klaus-Dieter Lehmann und dem Generaldirektor der Museen, Peter-Klaus Schuster, in einer Weise ab, die ihresgleichen sucht (siehe: Bastians Rache).

          Dann überschlagen sich die Ereignisse. Erst weist Lehmann diese Vorwürfe Heiner Bastians, die sich vor allem um das „Museum für Gegenwart“ im Hamburger Bahnhof und dessen Ausstellungspolitik drehen, zurück; dann droht der Sammler Erich Marx mit dem Abzug seiner von Bastian aufgebauten Kollektion - „am liebsten sogar sofort“ -, weil diese nicht mehr „den Kern des Museums“ bilde. Und das ganze Theater spielt sich vor dem Hintergrund ab, dass die Preußenstiftung, mit dem Streit um den Eingangsbau des Architekten David Chipperfield auf der Museumsinsel ohnehin unter Druck, derzeit Nachfolger für Lehmann und Schuster sucht, die beide 2008 aus dem Amt scheiden (siehe: Was hinter dem Krach in der Preußen-Stiftung steckt

          Selten ist in so kurzer Zeit so viel Porzellan zerschlagen worden. Dabei geht es um weit mehr als um verletzte Eitelkeiten und die Wut von Vernachlässigten. Dass einige glauben, sie müssten sich in Position bringen, um Enfluss auf eine Nachfolgeregelung an der Spitze der Preußenstiftung zu gewinnen, ist das eine. Weiterreichend wären die Folgen, würde Marx seine Sammlung - deren Hauptwerke von Warhol, Rauschenberg, Twombly und Beuys den Hamburger Bahnhof im Sommer ohnehin verlassen, um im Museum Frieder Burda in Baden-Baden gezeigt zu werden -, tatsächlich abziehen. Das würde das ganze „System Schuster“ ins Wanken bringen.

          Dem Jongleur entgleiten die Bälle

          Nun rächt es sich, dass der umtriebige Museumsgeneral Schuster fast ausschließlich auf die Ansiedlung von Privatsammlungen gesetzt hat: Marx, Flick, Marzona. Die Geister, die er rief, allesamt missgelaunt, tanzen ihm nun auf der Nase herum. Wer ständig alles in der Schwebe hält, wer die stets ums eigene Profil besorgten Sammler isoliert und Sammlungen einmal hier, einmal dorthin bugsieren will, der darf sich nicht wundern, wenn ihm beim Jonglieren ein Ball entgleitet.

          Zumindest hätte Schuster klar sein müssen, dass er Marx und dessen Impresario Bastian, der viel zu lange als heimlicher Direktor über den Hamburger Bahnhof herrschte, aus dem heraus immer wieder Stücke der Kollektion Marx verkauft wurden, für den Einzug der „Flick Collection“ würde entschädigen müssen. Vieles spricht dafür, dass daran gedacht war, zunächst Teile der Gemäldegalerie, die am Kulturforum vom Publikum nicht ausreichend frequentiert wird, ins Bode-Museum zu überstellen. Nur so wäre die Gemäldegalerie frei geworden, um dort die Sammlung Marx zusammen mit der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts aus der Neuen Nationalgalerie präsentieren zu können. Denn nur entlastet von der Sammlung Marx hätte sich der Hamburger Bahnhof zu einem funktionierenden „Museum der Gegenwart“ umbauen lassen. So glanzvoll die Wiedereröffnung des Bode-Museums als Skulpturengalerie auch war, so wirksam wurden dadurch die Gleise auf Schusters Verschiebebahnhof blockiert.

          An Warnungen hat es nicht gefehlt

          Für Schuster - und für Berlin - steht also mehr auf dem Spiel als die Verlängerung seines Vertrags als Museumsgeneral. Im Kern geht es um die Frage, wie eine Nationalgalerie in Zeiten knapper öffentlicher Ankaufsetats agieren soll. Schusters Antwort war eindeutig: mit der Akquisition privater Sammlungen. Genau dieses Prinzip gerät jetzt ins Wanken. An Warnungen hat es nicht gefehlt. Doch waren die Pläne stets so hochfliegend und so staatstragend, dass in Berlin keiner darauf hören wollte.

          Wenn Bastian lautstark beklagt, wichtige Ausstellungen international erfolgreicher zeitgenössischer Künstler seien anderswo, nicht aber in Berlin gezeigt worden, so ist das nicht ganz falsch. Zumindest gilt das für Künstler, die Bastian protegiert. Anderes, wie eine schon vor Jahren geplante Schau mit Werken von Olafur Eliasson, wurden, aus welchen Gründen auch immer, torpediert. Und Flick? Auch er bleibt ein unsicherer Kantonist. Seine Sammlung ist keineswegs für Berlin gesichert. Nie sind jene Stimmen ganz verstummt, die glauben, Flick wolle, nach dem Berliner Abenteuer, seine Sammlung doch noch dauerhaft in der Schweiz etablieren. Und der Hamburger Bahnhof ist nicht einmal die einzige Baustelle der Stiftung. Dahlem ist dem langsamen Verfall preisgegeben. Am Kulturforum wartet man vergebens auf Fortschritte. Und Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie ist nicht nur baulich in desolatem Zustand. Schusters Kartenhaus schwankt.

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