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Tresortür im Humboldt Forum : Durch die Metropole in fünfundvierzig Minuten

Einst hütete sie die Einlagen der Wertheim-Kunden, dann diente sie als Eingang zu einem Technoclub: Die Tresortür aus der Leipziger Straße steht jetzt in der Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum Bild: dpa

Das Berliner Stadtmuseum präsentiert die Tür des Technoclubs „Tresor“ als erstes Exponat seiner neuen Dauerausstellung im Humboldt Forum. Die weiteren Planungen bestehen vor allem aus Schlagworten.

          Das Land Berlin hat seinen Frieden mit der Terminverschiebung beim Humboldtforum gemacht. „Eröffnung 2020“ steht auf dem Faltblatt über „Die Berlin Ausstellung im Humboldt Forum“, das sicher nicht erst letzte Woche gedruckt wurde. Und Paul Spies, der Direktor der Stiftung Stadtmuseum, die die Ausstellung ausrichtet, erklärt, in einem Jahr werde man sich wiedersehen. März oder Mai oder Juni, das ist inzwischen auch schon egal.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Durch lange, kahle, hellgraue Säle gelangt man in die Südostecke des Schlossnachbaus, dorthin, wo die Berlin-Ausstellung ihre erste Biegung macht. Wenn man könnte, würde man vom ersten Obergeschoss aus in den Schlüterhof schauen, aber die Fenster nach innen sind blind. Zwei Ausstellungsteile, „Freiraum“ und „Grenzen“ betitelt, stoßen an der Ecke aufeinander, und genau an diesen Übergang stellt das Stadtmuseum heute sein allererstes Exponat. Es ist die Stahltür aus dem Technoclub „Tresor“, ein zweieinhalb Meter hoher, drei Tonnen schwerer rostfarbener Trumm, der nach Metall und Moder riecht und einst den Tresorraum der hauseigenen Bank im legendären Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz schützte. Die Tür sei ein „Gateway to Heaven“ gewesen, sagt Spies, aber er meint damit nicht die Kunden der Bank, sondern die Gäste des Technoclubs, der sich 1991 in den leeren Kellerräumen einquartierte und bis 2005, als er ausziehen musste, „Hunderttausende, vielleicht Millionen“ Nachtschwärmer zum Tanzen brachte. Jetzt, so Spies, solle die Tür „Brücken zwischen der Stadt und der Welt“ schlagen, so wie die ganze Ausstellung des Landes Berlin.

          Ein Kultobjekt für eine Generation

          Der Club „Tresor“, das kann man im Internet nachlesen, hat viele bekannte Resident DJs beherbergt, darunter Tanit, Jonzon, Rok, Roland 138 BPM, Surgeon, Wolle XDP, Dash, Dry, Wimpy, Zky und Djoker Daan. Für ältere, vor 1970 geborene Ausstellungsbesucher sind diese Namen reines Volapük, und auch bei jüngeren, nach 2010 ins Nachtleben getretenen Jahrgängen dürften sie kaum ein Klingeln auslösen. Die Tresortür, mit anderen Worten, ist das Kultobjekt genau einer Generation, aber für die Berlin-Ausstellung soll sie „eine neue Nofretete“ werden, wie Spies vor dem Ortstermin im Radio erklärt hat.

          Die Geschichte des 1937 arisierten Wertheim-Kaufhauses, in dem sie stand, tritt dagegen ebenso in den Hintergrund wie die Geschichte der anderen Berliner Kaufhäuser. Überhaupt fällt auf, wie wenig die geplante Ausstellung von all dem enthalten soll, was einem zu ihrem Motto „Welt. Stadt. Berlin“ unmittelbar einfällt. Von Architektur, Stadtplanung, Verkehr, Bevölkerung, Kultur und Industrie ist auf dem Schaubild, das an einer Seitenwand das Eckraums steht, keine Rede, statt dessen tragen die Sektionen Titel wie „Weltdenken“, „Verflechtung“, „Mode“, „Krieg“ und „Revolution“. Die phantastischen, chaotischen und glorreichen Zwanziger Jahre sind im Bereich „Vergnügen“ untergebracht, als wären Brecht, Piscator, Fritz Lang, Tucholsky und Benn verschiedene Ableger des Zirkus Sarrasani.

          Am digitalen Armband durch Berlin

          Die ganze Schau, so war vorab zu lesen, soll in fünfundvierzig Minuten bequem konsumierbar sein, für ahnungslose Touristen ebenso wie für „Berliner*innen“. Für lückenlose Betreuung sorgt ein Token, ein digitales Armband, mit dem der Besucher nach Beantwortung einiger persönlicher Fragen individuell und partizipativ durch die Säle gelotst wird. Bei Besuchsende erhält er dann eine „Ermutigung“, sich mit einer lokalen Initiative oder Aktionsgruppe zu vernetzen. Der erste Anlauf zu dieser Big-Brother-Didaktik, das Dau-Projekt des russischen Filmregisseurs Ilya Krzhanovsky, ist im vergangenen Herbst noch an den Auflagen der Berliner Senatsbauverwaltung gescheitert. Im Humboldtforum soll die Sache jetzt klappen.

          Beim Hinausgehen fällt der Blick auf einen Abschnitt der Planungsskizze, der durch kein kuratorisches Stichwort bezeichnet ist. Hier sollten bis vor drei Jahren die Sprachlabore der Zentral- und Landesbibliothek stehen, die als Berliner Beitrag zum Weltkulturencampus des Bundes gemeldet war. Dann zog Berlin die Bibliothek zurück und ersetzte sie durch die Berlin-Ausstellung. Doch das Bundesbauministerium bestand auf den Einbauten, weil sonst, wie es hieß, der Eröffnungstermin nicht zu halten wäre. Jetzt ist die Eröffnung trotzdem verschoben, die Labore aber sind fertig, obwohl niemand weiß, was man mit ihnen anfangen soll. So mahlen die Mühlen von Bund und Land beim Humboldtforum vor sich hin. Sie zermahlen den Sinn, den das Großprojekt einmal erzeugen sollte.

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