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Nach dem geplatzten Deal : Kann Twitter sich freuen, dass Musk nicht kommt?

  • -Aktualisiert am

Dass Elon Musk den Twitter-Deal platzen ließ, begründete der Milliardär damit, dass die Plattform die Zahl der Fake-Accounts nicht offengelegt habe. Bild: AFP

Die Pläne des Unternehmers Elon Musk, Twitter für 44 Milliarden Dollar zu kaufen, hatten Nutzer der Plattform in Unruhe versetzt, viele wanderten deswegen schon ab. Aber man kann die ganze Geschichte auch positiv sehen.

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          Kann Twitter sich freuen, dass Musk nicht kommt? Ich zumindest habe mich gefreut. Dass Musk Twitter für 44 Milliarden Dollar kaufen wollte, hatte im April für Tumult auf der Plattform gesorgt. Debatten über den Verkauf sozialer Medien rufen deren ökonomische Basis in das Bewusstsein der Anwender zurück. Im Alltag denken die meisten eher selten darüber nach, welche Rolle jeder Einzelne für den Wert der Plattformen spielt.

          Als Facebook beispielsweise 2012 Instagram für eine Milliarde Dollar kaufte, ließ sich mühelos ausrechnen, dass jeder Einzelne der damals dreißig Millionen Nutzeraccounts ungefähr 33 Dollar entsprach. Die Anzahl der täglich aktiven, global verstreuten Twitter-Nutzer liegt aktuell bei etwa 230 Millionen.

          Verkaufsplatz oder kreativer Raum

          Jeder dieser Accounts ist also, folgt man dem Angebotspreis, ungefähr 190 Dollar wert. Dass Musk den Kauf platzen ließ, begründete er damit, dass Twitter die Zahl der Fake-Accounts nicht offengelegt habe – die Menge aktiver Konten ist für den Wert einer Plattform zentral.

          Qualität und Strahlkraft der sozialen Medien hängen aber nicht nur an der Nutzermenge, sondern auch an deren Einfluss und Status, an Netzwerken, die sich über die Ränder einer Plattform in die On- und Offlinewelt erstrecken. Die algorithmisch bestimmte Kommunikationsarchitektur bestimmt das Klima und damit unsere Zufriedenheit. Und hier liegt die Verantwortung der Unternehmen: Sehen sie die Plattformen als Verkaufsplatz für Produkte, kreativen Raum oder als Arena für politische Kämpfe?

          Auch deswegen hatten Musks Pläne mich sehr besorgt, denn der Milliardär hatte zuvor immer wieder mit seiner Vision von Twitter als einem unmoderierten Dorfplatz radikaler Redefreiheit für Aufregung gesorgt. Die Vorstellung, dass in Zukunft vielleicht noch mehr Menschenfeindlichkeit, Extremismus und Hass meine Timelines fluten würden, fand ich unerträglich.

          Vielen aktiven Nutzern wie mir hat die Debatte noch mal deutlicher vor Augen geführt, wie wenig wir letztlich an Gestaltung und Verwaltung der Plattform beteiligt sind. Einige wanderten deswegen ab und löschten ihre Accounts. Ich entschied mich zunächst zu bleiben, weil ich das gewachsene soziale Netz nicht missen und abwarten wollte, was die geplante Übernahme nach sich ziehen würde.

          Dass Musk Twitter nun nicht mehr kaufen will, ist nach der ersten Erleichterung für die Nutzer vermutlich doch nicht so bedeutsam. Wichtiger ist das bei vielen geweckte Bewusstsein, dass die eigene Zeit auf der Plattform für deren Erfolg gewichtig ist. Und nichts spricht dagegen, sich kollektiv einen Ort mit besseren Bedingungen zu suchen, wenn es ungemütlich wird. Kein soziales Medium ist too big to fail, wenn wir uns für eine andere Plattform entscheiden.

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