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Trumps „1776 Commission“ : Great again, jetzt auch in der Erinnerungspolitik

  • -Aktualisiert am

Was hat das „Wienermobile“ aus Wisconsin mit der amerikanischen Unabhängigkeit zu tun? Vielleicht genauso wenig wie der Bericht der „1776 Commission“. Bild: dpa

Wie angekündigt, legt Donald Trump zum Ende seiner Amtszeit den Bericht der „1776 Commission“ vor. Er ist ein Pamphlet, das Historiker misstrauisch machen muss und weniger liberal ist, als es sich gibt.

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          Eine Kommission, die angeblich aus „einigen der angesehensten Gelehrten und Historiker Amerikas“ besteht, gleichzeitig aber eine „definitive Chronik“ vorlegen will, müsste jeden Historiker misstrauisch machen. Auf der offiziellen Internetseite des Weißen Hauses verspricht die „1776 Commission“ indes genau das, nämlich „a definitive chronicle of the American founding“.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Eine der letzten Amtshandlungen Trumps ist somit eine geschichtspolitische: Ihre Schlüsselworte folgen im Kleingedruckten. Es handelt sich bei dem 45 Seiten langen Dokument um eine „dispositive Widerlegung rücksichtsloser ‚Umerziehungs‘-Versuche“, mit denen die Vorstellung etabliert werden solle, die Vereinigten Staaten seien „kein außergewöhnliches, sondern ein böses Land“. Die kuriose Opposition (es fallen einem schließlich schnell Lȁnder ein, die zugleich außergewöhnlich und böse sind) klingt wie aus einem Trump-Tweet und setzt den Ton für den Text. Seine Bezeichnung als „Bericht“ kann ihrerseits nur in Anführungszeichen stehen, da er vor Suggestivitȁt strotzt – er ist vielmehr ein Pamphlet, teils eine vergiftete Predigt.

          Und er ist das Ergebnis der vom Präsidenten Trump als Reaktion auf das „1619 Project“ eingesetzten Kommission, das schon in der damaligen Ankündigung den Geist des Kulturkampfs ausstrahlte und nun ausbuchstabiert. 1619 trafen die ersten Sklaven an der Küste Virginias ein, 1776 wurde die humanistische Unabhȁngigkeitserklȁrung unterzeichnet: Die beiden instrumentalisierten Daten stehen somit für das Auseinanderdriften von Ideal und Wirklichkeit Amerikas.

          „Framing“ auf beiden Seiten

          Dass auch das von der „New York Times“ initiierte „1619 Project“ ideologisch geprägt und umstritten ist, soll nicht verschwiegen werden: Es fordert dezidiert ein „Reframing“ der Geschichte. Beides sind also Formen des „Framings“. Nur ist „1619“ ein journalistisches Produkt, wȁhrend „1776“ als staatliche Verordnung daherkommt.

          Sie scheint tatsächlich in der Tradition der Unabhängigkeitserklärung entworfen worden zu sein, aber im Gegensatz zu dieser wirkt sie gar nicht aus einem Guss, eher zusammengesetzt aus widersprüchlichen Teilen und mehreren Appendices. Betrachtet man nur den Rahmen, beschwört sie tatsächlich den idealistischen Geist der Gründerväter. Bliebe es dabei, wäre „1776“ nur der letzte Rest von „Make America Great Again“, angewendet auf die Erinnerungskultur und trotz allem optimistisch entgegengeschleudert allen, die schon einmal das Ergebnis eines Lynchmobs oder die Tötung George Floyds gesehen haben. Aber der Teufel steckt im Detail. So wirkt es mehr als nur stillos, unter den Herausforderungen der amerikanischen Prinzipien „Sklaverei“, „Faschismus“ und „Progressivismus“ gleichzuordnen. Inwiefern Progressivismus als Gefahr zu verstehen ist, wird etwa in einem bildungspolitischen Appendix deutlich. Da steht der apodiktische Satz: „Der ausgeprägte Verfall der amerikanischen Bildung begann im späten neunzehnten Jahrhundert, als fortschrittliche Reformer begannen, das traditionelle Verständnis von Bildung zu verwerfen.“ Von nun an ging’s bergab mit der amerikanischen Bildung! Das wird sich vielleicht auch der Evolutionsleugner Ben Carson gedacht haben, einer der Mitunterzeichner des Dokuments. Hauptverantwortlich zeichnen Larry P. Arrn, Carol Swain und Matthew Spalding, die zwar teils wissenschaftlich gearbeitet haben, aber gleichzeitig politische Aktivisten sind.

          Auch wenn gar nicht alle Kritik des Pamphlets unangebracht erscheint, diskreditiert es sich selbst schon in einer teils fast belustigenden Form, wenn es ständig „Fakten“ beschwört und dann hinzufügt, wie diese „zu lesen“ seien. Fakten wie: „The American people have ever pursued freedom and justice.“ Wirklich?

          In einem Punkt verfehlt „1776“ seine mahnende Wirkung nicht: nämlich darin, veröffentlicht ausgerechnet zum „Martin Luther King Day“ zu fragen, ob manche Auswüchse der heutigen Identitätspolitik den Idealen der Bürgerrechtsbewegung hohnsprechen. Noch mehr Hohn könnte freilich darin stecken, zu ebendiesem Tag alle Folgen der Bürgerrechtskämpfe, darunter etwa „Womens’ Liberation“, mit einem Nebensatz als radikale Verirrung zu brandmarken, wie es hier geschieht.

          Für die Erinnerungskultur ist das alles traurig: Man hat manchmal den Eindruck, die Debatten der amerikanischen „Bicentennial Era“ von 1971 bis 1976 waren differenzierter als die heutigen.

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