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Bund, Länder und Museen einig : Benin-Bronzen werden ab 2022 zurückgegeben

Gehen sie bald zurück? Benin-Bronzen aus dem Hamburger Museum am Rothenbaum Bild: dpa

Die deutschen Museen wollen ihre Benin-Bronzen an Nigeria zurückgeben. Das vereinbarten Bund, Länder und Museumsdirektoren in einem Spitzengespräch unter Leitung von Kulturstaatsministerin Grütters am Donnerstag.

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          Die in deutschen Museen aufbewahrten Bronzen aus dem afrikanischen Königreich Benin auf dem Gebiet des heutigen Staates Nigeria werden zurückgegeben. Darauf hat sich eine Expertenrunde von deutschen Museumsdirektoren sowie Vertretern des Bundes und der Länder unter Leitung von Kulturstaatsministerin Monika Grütters am Donnerstag geeinigt. Bis zum Sommer soll ein genauer Zeitplan für die Restitution der Kulturschätze ausgearbeitet werden. Erste Rückgaben an Nigeria sollen bereits im kommenden Jahr erfolgen.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Allerdings wollen die deutsche Museen mit ihren nigerianischen Partner auch erörtern, „ob und wie Benin-Bronzen als Teil des kulturellen Erbes der Menschheit künftig ebenfalls in Deutschland gezeigt werden können“. Dabei sollten die Zusammenarbeit der Museen, die Ausbildung künftiger Kuratorinnen und der Aufbau kultureller Infrastrukturen in dem afrikanischen Land vorangetrieben werden, hieß es in einer Erklärung, die am Donnerstagabend veröffentlicht wurde. Die vom Auswärtigen Amt gegründete Agentur für internationale Museumskooperationen solle diesen Prozess unterstützen.

          Etwa 1100 Bronzen allein in Deutschland

          Die Benin-Bronzen, größtenteils aus Messing gegossene Menschen- und Tierfiguren und Reliefs, wurden im Jahr 1897 bei einer militärischen Strafexpedition in Benin-City erbeutet, der Hauptstadt des damaligen Königreichs Benin. Anschließend wurden die Bronzen in London versteigert. So gelangten sie in zahlreiche europäische Museums- und Privatsammlungen. Der Direktor der Afrika-Abteilung des Berliner Museums für Völkerkunde, Felix von Luschan, hatte wesentlichen Anteil daran, dass ein großer Teil der Gegenstände aus Benin nach Deutschland gelangte. Heute befinden sich etwa 1100 Benin-Bronzen in deutschen Museen.

          Allein 440 davon sind im Besitz des Berliner Ethnologischen Museums, des Nachfolgers des kaiserlichen Völkerkundemuseums. Weitere bedeutende Bestände von Benin-Bronzen werden im Hamburger Museum am Rothenbaum, im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum, im Stuttgarter Linden-Museum sowie in den ethnologischen Sammlungen von Leipzig und Dresden aufbewahrt. Seit Anfang der siebziger Jahre haben sich Politiker und Kulturexperten aus Nigeria um Rückgaben einzelner Bronzen bemüht. Vor zwei Jahren stellte der nigerianische Botschafter in Deutschland einen offiziellen Rückgabeantrag. Seit 2011 verhandelt die Benin Dialogue Group, in der deutsche und britische Museen vertreten sind, mit der nigerianischen Regierung über den weiteren Verbleib der Bronzen.

          Auch die Königsfamilie beansprucht das Besitzrecht

          Um die restituierten Kunstgegenstände aufzunehmen und zu verteilen, wurde in Nigeria der Legacy Restoration Trust (LRT) gegründet. Zu den Aufgaben der unabhängigen Stiftung gehört die Errichtung eines Museums in Benin-City, das einen erheblichen Teil der Objekte aufnehmen soll. Ein weiterer Teil soll im nigerianischen Nationalmuseum in Lagos unterkommen. Neben der nigerianischen Regierung beansprucht auch die Königsfamilie von Benin das Besitzrecht an den Bronzen.

          Von deutscher Seite aus sollen die Rückgabegespräche mit Nigeria durch die Direktorin des Hamburger Museums am Rothenbaum, Barbara Plankensteiner, und den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, koordiniert werden. Plankensteiner leitet auch die Berlin Dialogue Group. Zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehört das Berliner Ethnologische Museum, das die wichtigsten Objekte seiner Benin-Sammlung demnächst im Humboldt-Forum im rekonstruierten Berliner Schloss ausstellen will.

          Eine Online-Plattform soll alle Sammlungen zusammenführen

          Neben den Verhandlungen über Restitutionen soll auch die digitale Erfassung der Kulturschätze aus Benin vorangetrieben werden. Bis zum 15. Juni will die von Bund und Ländern gemeinsam finanzierte Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten auf ihrer Webseite eine Aufstellung aller in deutschen Museen befindlichen Benin-Bronzen veröffentlichen. Mit dem Projekt „Digital Benin“, das von der Ernst von Siemens Kunststiftung finanziert wird, sollen die weltweit verstreuten Benin-Sammlungen dann in einer zentralen Online-Plattform zusammengeführt werden. Außerdem wollen Bund, Länder und Kommunen in den kommenden Jahren ein eigenständiges Portal für koloniales Sammlungsgut innerhalb der Deutschen Digitalen Bibliothek einrichten.

          Kulturstaatsministerin Grütters bezeichnete die gemeinsame Erklärung vom Donnerstag als historische Wegmarke im Umgang Deutschlands mit seiner kolonialen Vergangenheit. Man wolle mit ihr „zur Verständigung und zur Versöhnung mit den Nachkommen der Menschen beitragen, die in der Zeit des Kolonialismus ihrer kulturellen Schätze beraubt wurden“. Die Einigung mit den Ländern und den Museen sei entscheidend, „um beim Humboldt-Forum den Knoten zu durchschlagen“, erklärte die Kulturstaatsministerin im Gespräch mit der F.A.Z. Das Jahr 2022 habe man für erste Restitutionen vorgesehen, weil dann die ersten Magazingebäude auf dem Gelände des geplanten Museums in Benin-City fertig seien. Bei den Gesprächen mit der nigerianischen Seite gehe es vor allem „um Respekt“.

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