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Belarussischer Dichter in Haft : Einer von Zehntausenden

  • -Aktualisiert am

Dmitri Strozew Bild: Kristina Ursuljak

In Minsk sitzt der belarussische Dichter Dmitri Strozew, ein Vertrauter von Swetlana Alexijewitsch, im Gefängnis. Mit seiner Lyrik protestiert er seit Jahren gegen das Regime von Präsident Lukaschenka.

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          Die Festnahmen in Belarus gehen in die Zehntausende, genaue Ziffern kennt nicht einmal das Bürgerrechtszentrum Wjasna, das die Vorgänge zu dokumentieren und Betroffenen zu helfen versucht. Für das kleine Belarus mit seinen knapp zehn Millionen Einwohnern ist das erschreckend viel. Erschreckend auch, dass die Zahlen niemanden mehr erstaunen. In unserem Bekanntenkreis zählten wir zunächst jene, die bereits hinter Gittern waren, inzwischen zählen wir diejenigen, die noch nicht verhaftet wurden.

          Der Erste war wohl der Dichter und Musiker Uladz Liankewitsch. Gleich nach seiner Freilassung trat er auf einem Protestkonzert in Minsk auf. Er hatte eine Woche abgesessen und klagte danach scherzhaft, er sei nicht wegen seiner oppositionellen Gedichte und Lieder, sondern zufällig bei einem spontanen Marsch zur Unterstützung von Maria Kolesnikowa festgenommen worden. Ein anderer Musiker und Dichter, Liawon Wolski, hat kürzlich deutlich und zornig in einem Lied das Objekt der Repression definiert: Für Lukaschenka und seine Meute sei, so Wolski, „der Volksfeind das Volk selbst“.

          Der Dichter wurde von der Polizei entführt

          Mitte voriger Woche verbreitete sich die Nachricht, dass der Dichter Dmitri Strozew verschwunden sei. Gegen Mittag hatte er sich von seiner Frau verabschiedet, um zur Arbeit zu gehen. Mit Gedichten verdient man kein Geld, Strozew hat ein kleines Verlagsgeschäft und ein Büro, wenige Minuten von seiner Wohnung entfernt. Zu anderen Zeiten hätte die Nachricht vom Verschwinden eines Menschen Entsetzen ausgelöst, jetzt ging man davon aus, dass Strozew von der Polizei entführt wurde. Seine Frau meldete das Verschwinden bei der Polizei (also bei seinen Entführern). Wenn jemand als vermisst gemeldet wird, erhält man schneller Auskunft, in welchem Gefängnis er sich befindet. In Belarus herrschen Gesetz und Ordnung, auf Anzeigen von Bürgern muss der Staat reagieren. Am nächsten Morgen wurde bekannt, dass Strozews Name in einem Gefängnisregister aufgetaucht war.

          Dmitri Strozew ist ein Minsker Dichter, aber nicht nur in Belarus bekannt. In Russland hat er zahlreiche Literaturpreise erhalten, doch noch wichtiger ist die Zahl der Reposts mit der Nachricht von seiner Festnahme, die sich in den russischen sozialen Netzwerken verbreiteten. Ein ähnlich großes Echo hatte dort nur Swetlana Alexijewitsch ausgelöst, die mit Strozew eng befreundet ist, als sie die russischen Intellektuellen dazu aufrief, endlich Stellung zu den Ereignissen in Minsk zu beziehen.

          Kugelschreibzeichnung aus dem Skype-Gerichtsverfahren gegen Dmitri Strozew: Die Richterin (Mitte) verurteilt den abwesenden Dichter zu zwei Wochen Haft.
          Kugelschreibzeichnung aus dem Skype-Gerichtsverfahren gegen Dmitri Strozew: Die Richterin (Mitte) verurteilt den abwesenden Dichter zu zwei Wochen Haft. : Bild: privat

          Alexijewitsch und Strozew stehen einander auch literarisch sehr nahe. Wenn die Literaturnobelpreisträgerin in ihrer Prosa den Zerfall von Werten, Gewohnheiten und Bindungen der Vergangenheit dokumentiert, indem sie die Vielstimmigkeit der menschlichen Schicksale gleichsam ethnographisch versammelt, beleuchtet die Poesie Strozews die ethische Krise der Jetztzeit. Seine Verse vergegenwärtigen die individuelle Verantwortung für das Fühlen, Denken und Handeln, die kein Trauma aufheben kann. Einige seiner Gedichte aus den letzten fünfzehn Jahren wurden vom Verlag Hochroth in der Übersetzung von Andreas Weihe auf Deutsch herausgebracht.

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