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Proteste in Minsk : 25.000 Euro für ein Perestroika-Lied

Friedlicher Kampf: Bewohner von Minsk gedenken eines bei den Protesten umgekommenen Demonstranten. Bild: EPA

Die Zivilgesellschaft bekommt Muskeln: Schriftsteller und Intellektuelle mobilisieren in Belarus den friedlichen Widerstand gegen den Dauerpräsidenten Alexander Lukaschenka.

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          Die Minsker Dichterin Julia Cimafejeva hat kurz vor den Präsidentschaftswahlen in Belarus ein „Europäisches Gedicht“ (My European Poem) veröffentlicht, das die Normalität der Unfreiheit in ihrem Land schildert, weshalb sie darin auch vorschreibt, es dürfe keine russische, keine belarusische und keine ukrainische Fassung des Textes geben. Cimafejeva spricht auf Englisch in freien Versen davon, dass man sie schlagen oder verurteilen könne, wenn sie Parolen wie „Freiheit“ oder „Freiheit für die politischen Häftlinge!“ skandiere oder auch nur stumm dastehe, und dass sie davor Angst habe.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass ihre mittlerweile pensionierten Eltern jedes Mal für den „Verrückten“, wie sie den belarusischen Dauerpräsidenten Alexandr Lukaschenka nennt, gestimmt und sie früher geschlagen hätten, weil sie nicht patriotisch genug gewesen sei. Davon könne sie aber nur auf internationalen Literaturfestivals sprechen, heißt es in „My European Poem“, und zwar in den Sprachen von Menschenrechtsorganisationen und der zahlreichen besorgten Erklärungen europäischer Politiker – außer auf Englisch also in den Sprachen der EU.

          Das Gedicht, das schon vielfach geteilt wurde und auf Cimafejevas Facebook-Seite von einer Schauspielerin rezitiert wird, beschreibt in Ich-Form, was seit dem Wochenende viele Belarusen, die zu friedlichen Protesten gegen Wahlfälschungen im ganzen Land auf die Straße gehen, erleben: dass schwarzgekleidete Männer mit vier fetten Buchstaben auf dem Rücken (die OMON-Sondermiliz, die vor allem gegen Demonstranten eingesetzt wird) sie einsperren – doch wenn man das nicht wage, heißt es bei Cimafejeva, habe ihr Land keine Chance auf Befreiung. Deswegen war auch die Dichterin am Sonntagabend zu ihrem Wahllokal gegangen, berichtet sie dieser Zeitung am Telefon, um die angekündigten offiziellen Ergebnisse der Auszählung zu erfahren. Doch stattdessen sei ein Miliztrupp angerückt, habe die Wahlurnen abtransportiert, ein Anruf von Wahlbeobachtern bei der Polizei wurde ignoriert. Ohne ordnungsgemäße Bekanntmachung seien die Wahlen aber illegal, sagt Cimafejeva.

          Kein Nationalstaat wie im 19. Jahrhundert

          Auch die Philosophin Olga Schparaga, die in den neunziger Jahren bei Bernhard Waldenfels in Bochum studierte und heute über gesellschaftliche Transformation arbeitet, war am Abend zusammen mit etwa 250 Minskern zu ihrem Wahllokal in einer Schule im Stadtzentrum gegangen, um die Ergebnisse zu erfahren. Ungefähr die Hälfte der Leute hätte sich weiße Armbinden umgebunden, um so ihre Unterstützung für die Bewegung für ehrliche Wahlen kundzutun, erzählt Schparaga. Doch ungefähr um 22 Uhr sei ein Bus vorgefahren, und die Wahlkommission samt gefüllter Urnen wurde durch die Hintertür weggebracht.

          Schparaga glaubt, dass Belarus nur als solidarische Zivilgesellschaft frei werden könne; für einen Nationalstaat nach dem Muster des neunzehnten Jahrhunderts sieht sie keine Perspektive. Zu vielfältig seien die gemeinsamen kulturellen Schnittmengen einerseits mit Polen, anderseits mit Russland, nicht zuletzt durch das sowjetische Erbe, das insbesondere die Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch repräsentiert. Dazu kommt die Geschichte einer spezifisch jüdischen Kultur in der Malerei, die in Belarus wurzelt: Emigrierte Maler wie Chaim Soutine, Ossip Zadkine oder Pinchus Kremegne der „Pariser Schule“ repräsentieren sie.

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