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Kinder im Sturm : Sabine mischt die Eltern auf

Wegen des Sturmtiefs Sabine: Nur hinter wenigen Fenstern der Paulus-Schule Oldenburg brennt am frühen Montagmorgen Licht. Bild: dpa

Sturmschäden richtet Sabine auch bei Windstille an. Das Kind dann zur Schule schicken oder nicht? Wehe, wenn die zwanghafte Elternpsyche vom Kultusminister mit dieser Frage alleingelassen wird.

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          Für die Aufgeschmissenheit genügen kleinste Verrückungen der äußeren Abläufe, zumal des morgens. Wer malt sich die zwanghafte Elternpsyche aus, wenn das Kultusministerium die Erziehungsberechtigten zu einem Abwägungsvorgang auf Leben und Tod aufruft, wie in Hessen geschehen? Die Eltern, so das Ministerium in einer Stille-Post-Kette über Schulleiter und Klassenlehrer, sollten sich laufend über die aktuellen Windverhältnisse informieren und in der Frühe „dann abwägend entscheiden“, ob sie den Schulweg für ihre Kinder als zumutbar einstufen oder nicht.

          Weiß der hessische Kultusminister, selbst ja auch nur ein Kind seiner modern verrechtlichten Zeit, in welchen „Unterscheidungs- und Entscheidungsdruck“ (Arnold Gehlen) er die Eltern hineintreibt, wenn er, der Minister, nicht einfach bastahaft vorgibt: Der Unterricht fällt in meinem Dienstbereich orkanhalber aus, oder eben: er fällt dort nicht aus? Warum verweigert der oberste Schulmachthaber den im Sturm stehenden Eltern die autoritäre Entlastungsvariante?

          Gefahr im Verzug?

          Ach, stünden sie doch bloß im Sturm, dann wäre die Entscheidung ja leicht zu fällen! Aber was tun, wenn sich des morgens vor der Haustüre kein Lüftchen regt, wenn trotz angestrengten in die Bäume Starrens sich minutenlang kein Blatt bewegt, Sabine aber andernorts die Öffentlichkeit kirre macht? Soll man sein Kind zur Schule schicken, konkretistisch dem windstillen Augenblick verhaftet, oder soll man es zu Hause behalten, in einer womöglich lebensrettenden Abstraktionsleistung auf Gefahr im Verzuge setzend?

          Eine Kaskade abwägender Gedanken setzt ein, entlang einer vom Wind zerzausten Kriteriologie: Was gewinnt das Kind, was verliert es, wenn es sich gleich tapfer auf den Schulweg macht, in vorsichtiger Deckung vor dann doch nicht herunterfliegenden Ästen und Dachziegeln, um schließlich als Teil einer kleinen Streber-Schar im Klassenzimmer notbetreut zu werden?

          Heißt auf Nummer sicher gehen: auch ohne greifbare Windsignale, bei aufreizender meteorologischer Flaute, das Kind daheim zu lassen, es so auch dem Verdacht des Drückebergers auszusetzen, kopflos eingeknickt vor der Mahnung des Kultusministers, die Sicherheit der Schülerschaft habe „stets oberste Priorität“? Wo doch die Frage ist: Welche Priorisierung des Tuns und Lassens folgt aus dieser Priorität, jetzt um zehn vor acht?

          Ist man ein Rabenvater, eine Rabenmutter, wenn man – die Sturmwarnung im Ohr, die Flaute vor Augen, die Verwirrung im Herzen – sein Kind schließlich dergestalt mit der eigenen Erwerbstätigkeit zur Abwägung bringt, dass man – der Zeiger steht bereits auf sieben vor acht – entscheidet: Ich kann mein Kind im Büro nicht brauchen, also ab mit ihm zur Schule? Wehe, wenn Sabine sich in der Windstille verbirgt! Die Sturmschäden sind dann kaum noch bezifferbar.

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