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Propaganda-Forscher der Nato : Wir haben es mit medialem Krieg zu tun

  • -Aktualisiert am

Knapp fünfzig Prozent der Bewohner der lettischen Hauptstadt sind ethnische Russen, mehr als 25 Prozent sind es im ganzen Land. Das sei die Zielgruppe der russischen Auslandspropaganda, sagt Janis Sarts: „Vor allem das russische Fernsehen indoktriniert seine Zuschauer. Zudem gibt es verschiedene von Russland finanziell unterstützte Organisationen wie Russkij Mir oder World Without Nazism sowie zahlreiche Internetforen, die das russische Narrativ verbreiten: Lettland sei ein gescheiterter Staat, der von der EU als billiger Arbeitsmarkt missbraucht werde und in dem die EU minderwertige Produkte verramsche. Europa, so wird kommuniziert, sei das reine Chaos und stehe kurz vor dem Zerfall.“ Die beste Desinformation sei diejenige, die vom Feind nicht bemerkt werde, sagt Sarts. „Ich gehe davon aus, dass viele Länder nichts davon merken oder beschlossen haben, nichts merken zu wollen.“

Sogar der russische Außenminister steigt darauf ein

Neben dem Fernsehen betrachtet Sarts das Internet als zentralen Schauplatz des Informationskriegs. Dass Russland „Trollfabriken“ unterhält, ist inzwischen bekannt. Deren Mitarbeiter belagern Online-Foren und Websites mit massenhaft abgesetzten Kommentaren oder verbreiten gefälschte Nachrichten. „Wir versuchen zu beweisen, dass dahinter eine bezahlte und organisierte Anstrengung steht, deren Ziel es ist, Meinungen und Stimmungen zu beeinflussen“, sagt Sarts. Das „Robot Trolling“, also Nachrichten und Kommentare, die von Computern generiert werden, spiele eine immer größere Rolle. „Wir sind dabei, Techniken zu entwickeln, die Robot-Trolling mit einem Algorithmus aufdecken und ihnen entgegenwirken“, sagt Sarts. Erfundene Nachrichten und Meinungsmache gegen die offene, demokratische Gesellschaft kommen vor allem bei Anhängern links- oder rechtsextremistischer Bewegungen und sozialen Randgruppen an. Als paradigmatischen Fall ruft der StratCom-Direktor Sarts den „Fall Lisa“ in Erinnerung: Im Januar 2016 hatte eine dreizehnjährige Russlanddeutsche aus Berlin-Marzahn fälschlicherweise behauptet, von zwei arabischstämmigen Flüchtlingen in einer Wohnung festgehalten und vergewaltigt worden zu sein. Nicht nur Rechtsextreme nutzten die Falschmeldung für ihre Zwecke, zahlreiche Mitglieder der russlanddeutschen Gemeinde demonstrierten vor dem Berliner Kanzleramt für „ihre“ Lisa. Der russische Außenminister Sergej Lawrow warf den deutschen Behörden öffentlich vor, den Fall vertuschen zu wollen.

In diesem Fall sei der russischen Propaganda-Maschinerie allerdings ein schwerer Fehler unterlaufen, sagt Janis Sarts, denn die Geschichte habe sich eindeutig als Falschmeldung entpuppt. „Die Methode war klassisch: Gefühle werden geschürt, oft mit Hilfe von Kindern oder älteren Menschen, und dann benötigt man noch einen ,Mann von der Straße‘. Da bedient man sich in Russland trainierter Schauspieler, die in verschiedene Rollen schlüpfen, um so die Glaubwürdigkeit der Geschichte zu steigern. An solchen Desinformationskampagnen sind traditionelle Medien, aber auch soziale Netzwerke, Nichtregierungsorganisationen und natürlich Politiker beteiligt. Die Art und Weise, wie diese Elemente dann ineinandergreifen, macht sehr deutlich, dass dahinter die konzertierte Initiative eines einzigen Befehlsgebers steckt.“

„Wir übernehmen die Verantwortung für das, was wir sagen“

Die Schlacht um die Wahrheit ist längst eröffnet, das legt auch ein Blick auf die Website der StratCom-Zentrale nahe. Dort ist davon die Rede, dass man mit strategischer Kommunikation „Wahrnehmungen, Einstellungen und Verhalten“ der Öffentlichkeit im Sinne der politischen und militärischen Ziele der Nato beeinflussen wolle. Wo ist da der Unterschied zu den Methoden, die man angreift? Janis Sarts hat darauf eine smarte Antwort: „Der grundlegende Unterschied zwischen Propaganda und strategischer Kommunikation ist, dass unsere Arbeit auf Tatsachen beruht, dass wir ehrlich sind. Wir übernehmen die Verantwortung für das, was wir sagen. Wenn ich behaupten würde, dass wir die Öffentlichkeit nicht beeinflussen wollen, dann wäre das schlicht nicht glaubhaft.“

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