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Russisch-orthodoxe Kirche : Das Christentum, die Religion der wenigen

  • -Aktualisiert am

Zwischen Plattenbauten: ein russisches Gotteshaus im Wohngebiet. Bild: akg-images/Bildarchiv Monheim

Der Kurs der russisch-orthodoxen Kirche hat keine Zukunft. Dafür stimmt die junge Generation ihn optimistisch: Eine Begegnung mit dem Priester Alexej Uminski.

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          Die russische Intelligenzija, die lange mit dem unter der Sowjetunion verfolgten Christentum sympathisierte und ethische Orientierung erhoffte, ist heute gegen die orthodoxe Kirche geradezu allergisch. Die Moskauer Patriarchatskirche ist ein Teil der Machtvertikale, gemeinsam mit dem Geheimdienst FSB, der Armee und der Staatsanwaltschaft, sie kritisiert weder die russische Unrechtsjustiz noch den brutalen Sozial- und Bildungsabbau oder die Militäreinsätze in der Ukraine.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Konservative Kleriker wie die Erzpriester Wsewolod Tschaplin und Dmitrij Smirnow, die gern mit dickem Goldkreuz vorm stattlichen Bauch vor die Fernsehkameras treten, um die Tötung von Feinden beziehungsweise Ketzern und physische Züchtigungen in der Familie zu rechtfertigen, mögen nicht die Mehrheit der Priesterschaft repräsentieren. Doch nie wird ihnen aus den eigenen Reihen hörbar widersprochen, während ein engagierter Missionar wie der Diakon Andrej Kurajew, der die Luxussucht kirchlicher Würdenträger tadelt und sich seinerzeit gegen die Haftstrafe der Punkerinnen von „Pussy Riot“ aussprach, seine Professur an der Moskauer Geistlichen Akademie verlor.

          Religiöse Verfehlung

          Symptomatisch erscheint das staatlich geförderte Bauprogramm von zweihundert neuen Kirchen in Moskauer Schlafstädten, womit das Patriarchat die Zivilgesellschaft gegen sich aufbrachte. Kirchenbauprojekte in Parks - etwa in den Stadtteilen Ismailowo, Kurkino, Kusminki oder Losinyj Ostrow - führten zu „Majdan“ genannten Protesten von Anwohnern mit Kindern oder Hunden, die ihre Spazierwege verteidigten, Naturschützern, aber auch Anhängern der liberalen Partei Jabloko. Für die Bauvorhaben, die in etlichen Fällen verhindert und auf urbanes Gelände verlegt werden konnten, demonstrieren Kosaken und orthodoxe Aktivisten, beispielsweise der radikale Abtreibungsgegner und Kreationist Dmitrij Zorionow alias Enteo, der mit seinen Schlägertrupps - und dem Segen von Erzpriester Smirnow - mehrfach Theatervorstellungen und Kunstschauen überfiel. Kein Wunder, dass Leute, die in der zeitgenössischen Kunstszene aktiv sind, ihren gläubigen Landsleuten möglichst aus dem Weg gehen.

          Geistliche, die zu Macht, Geld und dem antiwestlichen Kurs Distanz halten, sind eine Minderheit. Zu ihr gehört der Erzpriester Alexej Uminski, der gegenüber dem kremlkritischen Radiosender „Echo Moskwy“ Tschaplin und Smirnow Kontra gab und klarstellte, dass Christen nicht die Aufgabe hätten, vermeintlich Böse zu bekämpfen, und dass Gewalt in der Familie eine Verfehlung sei, die nicht durch Bibelstellen oder angebliche orthodoxe Traditionen gerechtfertigt werden dürfe.

          Gelebtes Zeugnis einer Minderheit

          Uminski empfängt uns, in einen schlichten hellen Talar gehüllt, im Keller des Wohnhauses neben der Moskauer Pfingstkirche, die seiner Gemeinde als Versammlungslokal dient. In Russland und Europa erodiere das traditionelle Christentum gleichermaßen, beobachtet der Priester, was er vor allem mit den Zerstörungen von zwei Weltkriegen erklärt. Das Moskauer Patriarchat begeht in seinen Augen den Fehler, die Orthodoxie des neunzehnten Jahrhunderts mit ihrer längst diskreditierten „Symphonie“ von Kirche und Staat restaurieren zu wollen. Die reiche Staatskirche habe keine Zukunft, glaubt Uminski. Das Christentum werde, so prophezeit er, sowohl in Russland wie auch in Europa nie mehr Mehrheitsreligion, sondern nur noch gelebtes Zeugnis einer Minderheit sein.

          Uminskis Gemeinde zeigt, wie das geht. Sie besteht aus dreihundert Familien, die nicht in dem teuren Viertel leben, in dem ihre Kirche steht, sondern in unterschiedlichen Stadtbezirken, auch im Moskauer Umland, und die Unterhaltskosten des Gotteshauses, seine Reinigung, Bewachung sowie das Gehalt für ihren Priester gemeinsam aufbringen. Die russische Gesellschaft, die die Kirche wegen ihres Besitzstrebens tadelt, zeige leider wenig Interesse daran, die geheimgehaltenen Finanzströme der Kirche transparenter zu machen, bedauert Uminski. Dabei sei die Geschäftstüchtigkeit des Klerus auch die Kehrseite seiner Abhängigkeit von der Gunst des Staates, dem die kirchlichen Immobilien gehören. Ein mit ihm bekannter Bischof wage seinem großzügigen Sponsor keine Vorhaltungen wegen dessen unchristlichen Lebenswandels zu machen, verrät der Priester. Es wäre aber besser, fügt er hinzu, wenn nicht Heiden, sondern Christen die orthodoxe Kirche wirtschaftlich tragen würden.

          Zukunftsunfähiges Putin-Regime

          Die Vision von Vater Alexej ist die christliche Zivilgesellschaft. Ansätze dafür sieht er etwa im Moskauer privat getragenen allgemeinbildenden Gymnasiums des heiligen Wladimir und der Orthodoxen Universität, die auch Ökonomen, Juristen, Psychologen ausbildet. An beiden unterrichtet Uminski. Außerdem unterhalte das Kirchenamt für Soziales seit einigen Jahren ein Haus für Frauen in Not, ein Heim für behinderte Kinder und eine „Rettungsstation“, wo Obdachlose zu essen bekommen, duschen können, und wo ihnen bei der Wiederherstellung ihrer Dokumente und der Arbeitsuche geholfen wird. Der Priester bekundet Verständnis für den ruppigen Zorn seines Kollegen Smirnow etwa in der Abtreibungsfrage. In Russland würden pro Jahr eine Million Ungeborene abgetrieben, sagt er, ein trauriger Weltrekord.

          Ein anderer aufgeschlossener Priester, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will, verteidigt sogar, obwohl er vieles an ihm auszusetzen hat, den Patriarchen Kyrill. Das Kirchenoberhaupt distanziere sich von Putins Ukraine-Politik, weiß der Gottesmann, er bete für Eintracht und Frieden; die orthodoxen Gemeinden auf der annektierten Krim blieben dem Kiewer Patriarchen unterstellt. Ja, die russische Kirche stecke in einer Krise, bestätigt der Priester, viele gute Leute flöhen aus ihr. Russland sei im Vergleich zu Westeuropa nun mal immer rückständig, gröber, autoritärer und korrupter. Er wünsche, Patriarch Kyrill würde gegenüber dem zukunftsunfähigen Putin-Regime eigenständiger auftreten, sehe aber auch, so bekennt er, dass offene Opposition zum gegenwärtigen Zeitpunkt das Land in einen Bürgerkrieg stürzen würde.

          Der frische Blick

          Doch seine vorrangige Aufgabe sei der liturgisch-seelsorgerische Gemeindedienst, betont der Priester, der einem Gotteshaus inmitten von Wohnsilos am Moskauer Stadtrand vorsteht. Er findet das staatlich gestützte Kirchenbauprogramm nützlich: In den neuen Kirchen entstehe sofort ein reges Gemeindeleben. Für die damit betrauten Priester sei das oft nicht leicht. Einige, die, wie er, an die Peripherie versetzt würden, verfielen dem Alkohol. Auch habe er in seiner Kirche Männer aussegnen müssen, die, seinem Rat zuwider, ins ostukrainische Kriegsgebiet gefahren und dort getötet worden seien.

          Dafür stimmt die junge Generation ihn optimistisch. Seine Söhne, die arbeiteten und studierten, hätten ein ernstes, kritisches Verhältnis zur Religion, der ältere diskutiere oft mit seinem tschetschenisch-muslimischen Freund. Und als er unlängst ein kleines Mädchen, das an einer unheilbaren Krankheit starb, zu Grabe tragen musste, nahmen an dem Trauergottesdienst außer den Gemeindemitgliedern so viele atheistische Verwandte und Freunde teil, dass es ihm schien, als seien auch diese kirchenfernen Menschen bereit, Christi Kreuz auf sich zu nehmen.

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