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Der Begriff des Digitalen : Das Wort der Stunde

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Die Welt in Zahlen Bild: dpa

Der Begriff hat Hochkonjunktur. Die Zukunft, die Kultur, die Industrie – alles ist oder wird digital. Was das heißt und soll, bleibt oft unklar. Wovon wir reden, wenn wir vom Digitalen reden.

          Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) geht in die Offensive – in die Digitalisierungsoffensive. Bei seinem Besuch auf der Elektronikmesse Cebit stellte er die „Digitale Strategie 2025“ vor – einen Zehn-Punkte-Plan zur Digitalisierung in Deutschland. Im Strategiepapier ist die Rede von der „digitalen Gesellschaft“, dem „digitalen Lernen“ und vom „digitalen Wandel“. Demnächst soll in Dortmund ein Museum für digitale Kultur eröffnen, in wenigen Tagen veranstaltet das Frankfurter Schauspiel die Thementage „Digitale Welten – Welchen Fortschritt wollen wir?“. Egal, ob Konferenzen, Museen oder Positionspapiere – digital geht immer. Was genau aber hinter diesem Wort steht, ist unklar. Ein Gespräch mit der Medienwissenschaftlerin Beate Ochsner.

          Wenn heute überall von „digitaler Kultur“ die Rede ist – was ist damit gemeint?

          Mit „Digitalkultur“ wird heutzutage häufig die Nutzung des Internets und der sozialen Medien in Verbindung gebracht. Dabei ist das „Digitale“ ganz eng mit einer Partizipations-Kultur verwoben, die es letztlich erst seit dem Web 2.0 gibt. Vorher war das Internet eher mit dem Begriff der Virtualität, also der Erzeugung von Möglichkeitswelten, konnotiert. Interessant ist dabei, dass man besonders in sozialen Medien aufgrund ihrer Struktur häufig nur auf eine bestimmte Art kommuniziert, nämlich in Form von Kommentaren zu Kommentaren. Es geht im Wesentlichen um ein Sich-Einschalten, um das Dabei- und Beteiligt-Sein und weniger darum, Fragen zu stellen oder konkrete Antworten auf ebenso konkrete Fragen zu erhalten. Im Rahmen der digitalen Partizipationskultur, die häufig als demokratische Errungenschaft bezeichnet wird, werden soziale Ungleichheiten reproduziert und verstärkt. Denn mit dem Versprechen auf Teilhabe gehen neue und komplexe Ein- und Ausgrenzungsmechanismen einher. Man muss sich einloggen, braucht Passwörter und Benutzernamen, muss wissen, wie soziale Medien funktionieren. Gleichzeitig muss man seine persönlichen Daten preisgeben, Zeit aufwenden, kommentieren. Durch diese medialen Bedingungen der Beteiligung, des Anspruchs- und der Inanspruchnahme von Partizipation, werden Asymmetrien und Ungleichheiten erzeugt und bestehende markiert. 

          Was stellt man aus, wenn man digitale Kultur zeigen will? Vielleicht einen Commodore PET 2001 von 1977

          Aber was ist eigentlich dieses Digitale?

          Ich kann Ihnen nicht sagen, was das „Digitale“ ist – das ist mittlerweile zu einem Passepartout-Begriff geworden. Es ist jedoch unbestreitbar, dass der Begriff neben seinem alltäglichen Gebrauch als medienhistorische und –theoretische Leitdifferenz der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu begreifen ist, der die meisten medienwissenschaftlichen, aber auch soziologischen oder philosophischen Diskurse unserer Zeit prägt. Die Unterscheidung zwischen analog und digital ist dabei nicht immer genau definiert, sondern wird häufig vorausgesetzt. 

          Digitale Codierung bezeichnet letztlich eine binäre Programmierbarkeit von Maschinen, wie sie im Bereich der Kybernetik und der Informationsverarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg realisierbar wurde. Sie und damit auch digitale Medien stehen dabei im Gegensatz zur analogen Verschlüsselung ober Übersetzung einer physikalischen Größe mittels eines stufenlosen und kontinuierlichem Signals. Auf dieser Basis erscheint das „Digitale“ faszinierend, scheint es doch – so einige Forscher – die alte Metaphysik abzulösen und durch eine neue kybernetische (digitale) Philosophie zu ersetzen, die das frühere Substanzdenken durch reine Relationalität ersetzt. So scheint das digitale Objekt – was auch immer das dann heißen mag – keine Substanz mehr zu besitzen, immateriell und nur durch Relationen beschreibbar zu sein.

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