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Bayreuther Visionen: Peter Jonas : Entschuldigung, das ist doch kein Sommerstaatstheater!

  • -Aktualisiert am

Hat gleich elf gute Wünsche für Bayreuth: Sir Peter Jonas, ehemaliger Intendant der bayerischen Staatsoper Bild: picture-alliance/ dpa

Preiswerte Karten für junge Zuschauer, eine Dreimädelherrschaft und keine Kanzlerin, die bei der Eröffnungsfeier die Kaiserin spielt: Elf Wünsche von Peter Jonas begleiten die Richard-Wagner-Festspiele in die Zukunft.

          Sie wollen wissen, was ich in Bayreuth tun würde, wenn ich der liebe Gott wäre? Bitte schön, ich habe elf Punkte auf meiner Wunschliste:

          Kurz vorab: Wenn Richard Wagner noch leben würde, würde er sicher sofort aus der Sache aussteigen. Aber ich bin auch der Meinung, dass Bayreuth nicht abgeschafft werden soll. Schon aus sentimentalen Gründen. Als junger Student war ich von Musik besessen, wenn auch zunächst nicht unbedingt von der Oper. Mein Schlüssel zur Oper war Wagner: Erst habe ich in Covent Garden den „Fliegenden Holländer“ gesehen, dann kam „Walküre“, dann der ganze „Ring“, und das war mein Eintritt in die Welt der Oper. Später bin ich mit Freunden nach Bayreuth gepilgert, wo wir im Wald campierten und uns nach dem Motto „Beg, borrow or steal“ Karten ergatterten. Das waren meine ersten großen Opernerlebnisse. In den letzten zehn Jahren habe ich Bayreuth dann alleingelassen, weil es mir zu langweilig war.

          Hier also meine elf Punkte:

          „Die Eröffnungszeremonie ist das Peinlichste, was es gibt”

          1.) Ich habe Klaus Zehelein einmal gefragt, was für ihn das Erfreulichste an seiner Zeit als Intendant am Staatstheater Stuttgart war, und er antwortete mir: „Die Tatsache, dass ich es geschafft habe, das Forum Neues Musiktheater zu etablieren.“ Wenn man überlegt, was Wagner wohl jetzt in Bayreuth machen würde, dann wäre so etwas wohl das Erste gewesen. Der ursprüngliche Sinn von Bayreuth war, wie es der vielzitierte Satz von Wagner bezeugt, Neues zu schaffen. Wenn es also wirklich ein Festspiel ist, das in Bayreuth stattfindet, und nicht ein Sommerstaatstheater, dann muss es sich irgendwie um die Prinzipien Richard Wagners als Künstler drehen: nicht um seinen politischen Quatsch oder um seine seltsame Persönlichkeit, sondern um Wagner, den schaffenden Künstler. Der war damit beschäftigt, wie man Oper reformieren oder neu formieren kann. Das geht durch alle seine Stücke. Er hätte auch gesagt: Wir machen meine Stücke in Bayreuth, und wir machen neue Stücke.

          Bayreuth ist perfekt für so etwas. Es hat nicht diesen Schickimicki- und Schwarzgeldwäschereiaspekt von Salzburg. Es hat eine gewisse fränkische Bescheidenheit. Hier könnte man ein Forum Neue Musik etablieren. Ich würde dort alle zusammenbringen: Schriftsteller, junge und etablierte Komponisten, Interpreten, Künstler aller Disziplinen und musikalische Geister. Und dann würde ich wirklich das Verhältnis von Musik und Text neu erforschen wollen. Wenn man eine Denkpause haben könnte, könnte man vielleicht nach zwei Jahren die Früchte dessen zeigen, was man erarbeitet hat. Ich würde auch ein bisschen streng sein: Man könnte eine Art Kolonie aufbauen von etwa hundert Leuten, die alle, vielleicht schon im Mai, nach Bayreuth kommen sollten, um ihre Erkundungen zu beginnen. So etwas gibt es überhaupt nicht in Deutschland. Und es wäre genau das, was Bayreuth braucht.

          2.) Alle meckern wir über die mangelnde Sängerkunst. Nun ist es eine Tatsache, dass das Leben für Sänger heute viel schwieriger ist als früher. Was wir heute auf unseren iPods oder CDs oder DVDs hören, ist durch die Technik so perfekt gemacht, dass die Sänger richtige Probleme haben, ihren Beruf auf der Bühne ohne riesige Krisen, Doping, jahrelange Zwangspausen oder Nervenzusammenbrüche auszuüben. Ich glaube, Bayreuth wäre auch perfekt als eine Sängerkunstakademie. Es reicht nicht zu sagen: Kommen Sie und verbringen Sie Ihren Sommer in Bayreuth im Chor. Man müsste auch richtig gute Lehrer und Repetitoren nach Bayreuth bringen, um die Sänger dort intensiv zu coachen und zu hätscheln.

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