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Bayreuther Visionen: Ioan Holender : Schluss mit den Experimenten

  • -Aktualisiert am

Als Direktor der Wiener Oper eine gewichtige Stimme in Bayreuth: Ioan Holender Bild: picture-alliance/ dpa

Wir haben Protagonisten des Musiklebens gefragt: Was würden Sie als Leiter in Bayreuth ändern wollen? Als erster antwortet Ioan Holender, Direktor der Wiener Staatsoper und Mitglied der Sachverständigenkommission der Festspiele. Er fordert mehr Professionalität.

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          In der Diskussion um die Zukunft der Bayreuther Festspiele spielt die Frage nach dem Repertoire immer wieder eine zentrale Rolle. Ich halte es für gut und richtig, in Bayreuth nur Werke Richard Wagners zu spielen. Allerdings sollte auch „Rienzi“ unbedingt dazuhören: nicht nur wegen der historisch-politischen Vergangenheit, aber auch deswegen. „Die Feen“ und „Das Liebesverbot“ gelten hingegen zu Recht als unreife Kompositionen und sind auch inhaltlich irrelevante Jugenwerke.

          Tiefgreifende Änderungen sind in Bayreuth aber trotzdem dringend vonnöten, besonders was die Qualität der Sänger und der Regisseure und zum Teil auch der Dirigenten betrifft. Gerade in Bayreuth – und hier noch mehr als andernorts – sollte Oper als Gesamtkunstwerk verstanden werden. Dies setzt jedoch eine erstklassige vokal-musikalische und inhaltliche Wiedergabe voraus.

          Ein kontinuierlich sinkendes Niveau

          Die Besetzungen der Hauptrollen – und nicht nur dieser – hatten in den letzten Jahren ein kontinuierlich sinkendes Niveau. Bayreuth hat dadurch auch für die Sänger selbst an Attraktivität verloren. Bayreuth zahlt ja bekanntlich noch immer die Rolle und nicht den Marktwert des Sängers. Das ist auch gut so, doch Sänger sind leichter zu bekommen, wenn auch wichtige Dirigenten und Sängerkollgen am Werk sind. Außer einigen wenigen Ausnahmen war dies in den vielen letzten Jahren leider nicht der Fall. Nicht einmal mehr sogenannte Routiniers waren engagiert, sondern Dirigenten, die das Werk erstmals in Bayreuth kennen lernten. Kein Dirigent sollte und kein seriöser Dirigent würde eine Oper erstmalig bei den Bayreuther Festspielen dirigieren.

          Schließlich sollten professionelle Regisseure inszenieren und nicht Quereinsteiger, aus welcher Branche sie auch immer kommen mögen. Man sollte nicht vergessen, dass Opernregisseur ein Beruf ist, der auch Handwerkliches voraussetzt. Das sogenannte Experimentelle ist höchstens für einige Journalisten von Interesse, jedoch kaum für die Sache selbst. Außergewöhnliche, sensationelle Engagements von Regisseuren, die zuvor noch nie und nirgends inszeniert haben, sind schlicht unseriös.

          Göttervater Wolfgang als Opernfigur

          Die Attraktivität und die Einmaligkeit Bayreuths sind in einer Welt, in der Werte immer stärker nivelliert und durch die falsche Anwendung der Globalisierung verallgemeinert werden, immer noch ein singulärer Ort.

          Aber es kann nicht sein, dass etwas für gut gehalten wird, nur weil es eben in Bayreuth stattfindet. Auf die Einhaltung von Qualitätsstandards ist auch deswegen besonders zu achten, weil Bayreuth – trotz allem – auch einen Vorbildcharakter für andere Häuser hat. Allerdings hat es den schon lange nicht mehr für die wirklich ersten Bühnen.

          Was den aktuellen Streit um die Nachfolge betrifft, empfehle ich eine Ausschreibung für Libretto und Musik einer Oper, die die wirklich nicht alltägliche Geschichte des Auf- und Abganges des über ein halbes Jahrhundert lang herrschenden Göttervaters inklusive der Geburt seiner Nachfolgerinnen beinhaltet. Der Stoff wäre gewiss nicht uninteressanter als die Geschichte der Nibelungen.

          Zur Zukunft nur so viel: Die konstante Geschlechtsabwechslung von Mann zu Frau würde mit der jetzt avisierten Lösung beibehalten. Sie gehört schon lange zur Tradition: Richard – Cosima – Siegfried – Winifred – Wolfgang – Zwei- oder Dreimäderlhaus. Die aktuelle Frage ist jetzt nur, wer wird der nächste Mann sein?

          Ioan Holender ist Direktor der Wiener Staatsoper seit 1992. Er wurde am 18. Juli 1935 im rumänischen Timisoara geboren, studierte Gesang und war von 1962 bis 1966 als Opernbariton und Konzertsänger beschäftigt. Der „Ring des Nibelungen“, der zur Zeit an seinem Haus von Sven Eric Bechtolf und Franz Welser-Möst geschmiedet wird, ist bereits der zweite in Holenders Amtszeit. 1992 bis 1993 war die Tetralogie bereits in der Regie von Adolf Dresen herausgekommen.

          Neben den Intendanten der Deutschen Oper Berlin und der Bayerischen Staatsoper ist der Direktor der Wiener Staatsoper geborenes Mitglied der Sachverständigenkommission nach Paragraph 8 Absatz 3 der Stiftungssatzung.

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