https://www.faz.net/-gqz-x8vc

Bayreuth : Wo sind die Visionäre?

  • -Aktualisiert am

Wie weiter mit Wagners Erbe? Bild: ddp

Wolfgang Wagners Rücktritt ist ein epochaler Einschnitt in der Geschichte eines weltweit einzigartigen, hochrenommierten Festivals. Wer immer ihm nachfolgt, muss über das Gesamtkunstwerk Richard Wagners neu nachdenken.

          5 Min.

          Wolfgang Wagner wird mit dem Ende der diesjährigen Festspielsaison nach zweiundvierzig Jahren der alleinigen Verantwortung von seinem Amt als Festivalleiter zurücktreten. Bei aller berechtigten Kritik, die man am starren Konservativismus seiner eigenen Regiearbeiten, an seiner fränkischen Dickschädeligkeit und Bauernschläue üben kann, sollte man doch auch die Bilanz seiner Ära nicht ganz aus dem Blick verlieren. An der Seite seines Bruders Wieland, dem geistigen Kopf „Neu-Bayreuths“, der nach den tiefen Verstrickungen in das NS-Regime die neuen ästhetischen Grundsätze entwarf, leitete Wolfgang 1951 die ersten Festspiele nach dem Krieg. Er war ein fähiger Manager und Organisator, und so begann er nach Wielands Tod 1966, die Geschicke auf dem Grünen Hügel alleine zu lenken.

          Natürlich lernte auch Wolfgang Wagner das Inszenierungshandwerk von der Pike auf. Er war für insgesamt siebzehn Festspiel-Inszenierungen verantwortlich und entwarf auch seine Bühnenbilder stets selbst. Seine erste Inszenierung, ein „Lohengrin“, kam 1953 heraus. Vor allem seine letzten Regiearbeiten, der „Parsifal“ von 1975, die „Meistersinger“ von 1966, bestachen freilich nicht gerade durch besondere Suggestivität oder gar geistige Durchdringung der großväterlichen Werke. Doch so konservativ Wolfgang Wagner als eine sattelfester, wenn auch kaum genuin künstlerisch denkender Theatermacher agierte, so klug handelte er phasenweise als ein Festivalleiter, der durchaus Gespür besaß für Regisseurskollegen, die auf der Wagnerbühne kreativer waren, als er selber. Er band Götz Friedrich und Harry Kupfer ans Haus, ließ Alfred Kirchner, Werner Herzog, Patrice Chéreau und Heiner Müller inszenieren.

          „In tiefer Sorge um die Festspiele“

          Jetzt tritt er zurück, da er nach den Worten seines Anwalts fest darauf vertraut, dass die von ihm bevorzugte Lösung einer zukünftigen Leitung der Richard Wagner Festspiele durch seine beiden Töchter Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner „die tragfähigste“ sei und sich „daher durchsetzen werde“. Die politischen Strippenzieher möchten von der Intrige, mit der sie diese Entscheidung forciert haben, nun naturgemäß nichts mehr wissen. Eine Einmischung in das jetzt offiziell eröffnete Nachfolgeverfahren von Seiten der Politik dürfe es selbstverständlich nicht geben, betonten sowohl die Vertreterin des Bundes Ingeborg Berggreen-Merkel als auch der Bayreuther Oberbürgermeister Michael Hohl in einer Pressekonferenz im Anschluss an die am vergangenen Dienstag abgehaltene Sitzung des für die Nachfolgefrage zuständigen Stiftungsrates.

          Das bereits erfolgte aktive Eingreifen in den Findungsprozess seitens der Minister Goppel und Neumann, die mit ihrem Aufforderungsschreiben an die beiden Wagner-Halbschwestern völlig neue Tatsachen geschaffen hatten, möchte man nicht länger als solches verstehen. Sinn des Briefes sei es lediglich gewesen, eine „inhaltliche Diskussion“ anzuregen, um zu erfahren „was in Bayreuth alles möglich sei“, sagte Berggreen-Merkel. Nur der Vorsitzende der mäzenatischen „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ wollte es sich nicht verkneifen, auf den eigenen tatkräftigen Beitrag an der lange ersehnten Lösung hinzuweisen. „In tiefer Sorge um die Festspiele“ habe er den Rücktritt Wolfgang Wagners nicht nur „erhofft“, sondern auch „daran gearbeitet“, sagte Karl Gerhard Schmidt. In diesem Sinne verstehe er seine Rolle als die eines „Steigbügelhalters“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump und Biden am Dienstag bei der ersten Fernsehdebatte.

          Präsidentenwahlkampf : Trump und die „Proud Boys“

          Donald Trump hatte gehofft, die erste Fernsehdebatte werde die Wende im Präsidentenwahlkampf bringen. Doch sein Auftreten hat das Gegenteil bewirkt – ebenso wie seine Äußerungen zu den „Proud Boys“.

          Trump gegen Biden : So reagiert das Netz auf den Schlagabtausch

          Das erste Fernsehduell zwischen Präsident Trump und seinem Herausforderer sorgt auch in den sozialen Medien für jede Menge Reaktionen. Viele sind ähnlich hitzig wie die Debatte selbst. Andere Twitter-Nutzer werden kreativ.
          Rupert Stadler sitzt in München im Gerichtssaal.

          Früherer Audi-Chef : Mit der S-Klasse zum Gericht

          Rupert Stadler hat eine neue Rolle: Er muss sich im Diesel-Prozess verantworten. Früher, in seiner Rolle als Vorstandschef der prestigeträchtigen VW-Marke Audi, fand er mehr Gefallen an öffentlichen Auftritten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.