https://www.faz.net/-gqz-a11ee

Bauwesen in Frankfurt : Ein Fall für machtbewusste Männer

Neuer Blick: Balkon eines Penthouses in der 48. Etage des Wohnturms Grand Tower auf die Frankfurter Innenstadt Bild: Frank Röth

Ein Amt mit ständig neuen Chefs auf der Suche nach Genie: Um das städtische Bauwesen Frankfurts muss man sich Sorgen machen.

          3 Min.

          Raumfragen sind Machtfragen. Für die Verabschiedung von Michael Simon, Leiter des Amts für Bauen und Immobilien der Stadt Frankfurt, hatte Oberbürgermeister Peter Feldmann für den Freitag in den großen Saal der Paulskirche eingeladen. Eine ungewöhnliche Ortswahl, sonst wird für derartige Anlässe ein intimerer Rahmen gewählt.

          Matthias Alexander

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Frankfurter CDU witterte denn auch eine Provokation durch das sozialdemokratische Stadtoberhaupt, dem man durch eine schwarz-rot-grüne Koalition, vor allem aber durch Abneigung verbunden ist. Denn Simon war vom CDU-Baudezernenten Jan Schneider nach nur zweieinhalb Jahren Amtszeit geschasst worden, ein in der jüngeren Stadtgeschichte ziemlich einmaliger Vorgang. Dem Mann, den CDU-Schneider vom Hof jagt, rollte SPD-Feldmann also zum Abschied den roten Teppich aus.

          Kein Kadavergehorsam

          Der Oberbürgermeister genoss seine Rache kalt: Zu Beginn seiner Rede vor etwa fünfzig Zuhörern im weiten hellen Rund der Paulskirche wies er noch beschwichtigend darauf hin, dass wegen der Corona-Abstandsregeln kein anderer Raum für die Feierlichkeit in Frage gekommen sei. Um dann als oberster Dienstherr ein Hohelied auf die kompetente städtische Verwaltung zu singen, gekrönt von dem Satz, dass es in Frankfurt „Kadavergehorsam und militärische Linien“ nicht geben dürfe. Das war eine Spitze gegen den abwesenden Baudezernenten Schneider, dem Feldmann implizit eine verknöcherte Vorstellung von Führung unterstellte. Genüsslich fügte Feldmann hinzu, dass Simon nicht seiner Partei angehöre, sondern ein Konservativer sei, der aber für seine Überzeugungen einstehe.

          Nun liegen die Gründe für das Zerwürfnis des Dezernenten mit dem einst von ihm geholten Amtsleiter schon aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht offen, aber es hat sich im Rathaus herumgesprochen, wie hart die beiden machtbewussten Männer mehrfach miteinander gerungen haben. Es soll sogar zu einer Szene gekommen sein, in der Amtsleiter Simon Mitarbeiter gefragt hat, ob sie nun auf seiner Seite stünden oder auf jener Schneiders. Falls diese Geschichte nicht wahr sein sollte, passt sie doch gut zu den Berichten über den Führungsstil Simons, die im Umlauf sind. Sie ist in jedem Fall geeignet, die Entscheidung Schneiders für den Rauswurf Simons zu legitimieren.

          Riesenbehörde

          Zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten liegen die Dinge komplizierter. Das Amt für Bauen und Immobilien steht für die enormen Herausforderungen, denen sich kommunale Verwaltungen nicht nur in Frankfurt gegenübersehen. Entstanden ist die Riesenbehörde mit nahezu siebenhundert Mitarbeitern aus einer Fusion von Liegenschaftsamt, Hochbauamt und Teilen des Schulamts. Es soll alle städtischen Immobilien von der Planung über den Bau bis zum Unterhalt betreuen. In einer wachsenden Stadt ist das eine Herkulesaufgabe, man denke nur an die vielen Schulen, die neu zu bauen sind. Die Verantwortung wird noch größer mit Blick auf die Vorbildfunktion für die allgemeine Baukultur.

          Wer einen derartigen Job erfolgreich bewältigen möchte, muss beinahe ein Genie sein: in der Lage, eingefahrene Verwaltungsabläufe zu reformieren, der Eigenlogik der Auftraggeber in der Politik zu folgen und die immer komplexeren Bauvorschriften zu beachten. Wie es mit Genies so ist – sie sind erstens selten, zweitens können sie in der Privatwirtschaft deutlich mehr verdienen als im öffentlichen Dienst, und drittens mangelt es ihnen fast niemals an Selbstbewusstsein.

          Abstrahiert man von den mehr oder weniger zufälligen persönlichen Aspekten des Konflikts in Frankfurt, dann stellt sich die grundsätzliche Frage, wie die Bauverwaltung künftig organisiert werden soll. Das gilt umso mehr, als sich potentielle Bewerber aufgrund der Erfahrungen Simons noch genauer überlegen werden, ob sie sich die Amtsleitung in ihrer jetzigen Form antun möchten.

          Viele andere deutsche Großstädte haben sich dazu entschlossen, ihre Bauverwaltung als städtische Gesellschaft zu organisieren oder zumindest in einen Eigenbetrieb. Das macht sie von politischen Vorgaben unabhängiger und lässt der Führung mehr Gestaltungsspielraum. Nach den jüngsten Erfahrungen scheint Schneider allerdings zu einem solchen Schritt noch weniger bereit als ohnehin schon. Er kann darauf verweisen, dass das neue Amt nach massiven Anlaufschwierigkeiten immer stärker Tritt gefasst hat. Was sich allerdings auch dem nun verabschiedeten Amtsleiter zugute halten ließe.

          Um die Zukunft von Simon, der in seiner Abschiedsrede in der Paulskirche ein wenig über das Verhältnis von Architektur und Musik plauderte, muss man sich keine großen Sorgen machen. Um die des städtischen Bauwesens in Frankfurt hingegen schon. Mit dem Hinweis des Oberbürgermeisters, er sei mit einem streitbaren Büro bestens gefahren, ist es jedenfalls nicht getan.

          Weitere Themen

          Das sagen Heimkehrer zu den Tests Video-Seite öffnen

          Coronatest an der Grenze : Das sagen Heimkehrer zu den Tests

          Urlauber, die aus Corona-Risikogebieten zurückkehren, müssen bei der Einreise nach Deutschland einen Coronatest machen. Heimkehrer erzählen an der deutsch-österreichischen Grenze in Kiefersfelden, wie das Prozedere ankommt.

          Topmeldungen

          Im Salzlandkreis : Der Osten liegt vorn

          Ostdeutschland steht in Sachen Pandemiebewältigung viel besser da als der Westen. Ist das nur Glück oder lässt sich daraus angesichts steigender Infektionszahlen etwas lernen? Besuch in einem Landkreis, dessen Bewohner vieles anders machen.

          Citys Star-Trainer unter Druck : Das Problem des Pep Guardiola

          Seit neun Jahren hat Manchester Citys Star-Coach Pep Guardiola die Champions League schon nicht mehr gewonnen – auch weil er Fehler machte. Hat er etwa seine besten Jahre als Trainer schon hinter sich?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.