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Barbara Frischmuth im Gespräch : Die Aleviten sind sehr enttäuscht

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Demonstration in Köln: Mehrere Zehntausend Aleviten protestieren gegen den „Tatort” Bild: AP

Die Alevitische Gemeinde sieht sich von einer „Tatort“-Folge verunglimpft. Barbara Frischmuth hat sich in ihren Romanen mit alevitischen Lebensformen befasst. Im F.A.Z.-Interview spricht die österreichische Autorin über eine faszinierende Kultur, schnelle Vorurteile und überzogene Reaktionen.

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          Die Alevitische Gemeinde sieht sich von einer „Tatort“-Folge verunglimpft. Barbara Frischmuth hat sich in ihren Romanen mit alevitischen Lebensformen befasst. Im F.A.Z.-Interview spricht die österreichische Autorin über eine faszinierende Kultur, schnelle Vorurteile und überzogene Reaktionen.

          Frau Frischmuth, die Alevitische Gemeinde Deutschland wirft dem NDR vor, der Tatort „Wem Ehre gebührt“ leiste dem Vorurteil Vorschub, dass Aleviten eine unislamische, laxe Sexualmoral hätten und Inzest betrieben. Sie selbst haben verschiedene Romane veröffentlicht, die im alevitischen Milieu spielen. Sind Sie bei Ihren Recherchen auf diese Vorurteile gestoßen?

          Ja, natürlich. Seitdem die Aleviten im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert das erste Mal als Religionsgemeinschaft in Erscheinung traten, wirft man ihnen vor, die Gesetze von Anstand und Moral nicht zu respektieren. Jeder, der über die Aleviten recherchiert, kann das nachlesen.

          Findet die alevitische Kultur sympathisch: Barbara Frischmuth

          Worin begründen sich die Vorurteile?

          Die Aleviten folgten bei ihren Feiern präislamischen Riten, wie sie bei den Nomaden üblich waren. Das heißt, Männer und Frauen feierten gemeinsam und tranken Alkohol. Die Sunniten warfen den Aleviten deshalb vor, regelrechte Orgien zu feiern.

          In der orientalischen Gesellschaft war es ungewöhnlich, Frauen nicht auszuschließen.

          Natürlich, aber man kann die Freiheiten der alevitischen Frau nicht mit der Freizügigkeit vergleichen, die Frauen damals in westlichen Gesellschaften genossen. Anders als bei den Sunniten hatte die religiöse Gleichberechtigung der Frau immer eine sehr hohe Bedeutung bei den Aleviten. Alevitische Männer wurden immer erst dann zu den religiösen Riten zugelassen, wenn sie verheiratet waren - auch darin drückt sich die Hochachtung gegenüber der Frau aus. Wenn ein Fremder in der anatolischen Abgeschiedenheit um Einlass bat, dann durfte ihn die Frau sogar alleine empfangen. Bis heute gibt es kein Verschleierungsgebot für die Frau und keine Vielehen.

          Wurden die Aleviten wegen ihrer angeblich laxen Sexualmoral verfolgt?

          Im Osmanischen Reich galten sie als vogelfrei und zogen sich deshalb fast ganz in die Abgeschiedenheit Anatoliens zurück. Die Gerüchte über ihre Sexualmoral waren jedoch nicht der einzige Grund für die Unterdrückung. Man warf ihnen vor, nicht die fünf Säulen des Islams zu respektieren: Aleviten pilgern nicht nach Mekka. Sie sagen: „Wenn man die Kaba nicht im eigenen Herzen findet, dann findet man sie nirgendwo.“ Sie beten nicht fünfmal am Tag und besuchen keine Moschee, sondern treffen sich in sogenannten Cem-Häusern. Aleviten fasten nicht im Monat Ramadan, dafür jedoch zu anderen Zeiten. Auch das islamische Recht, die Scharia, erkennen sie nicht an. Insgesamt sind die Aleviten in ihrem Glauben stärker pietistisch-pantheistisch orientiert als die Sunniten. Das heißt, sie legen mehr Wert auf innere Frömmigkeit als auf öffentliche Bekenntnisse zum Glauben. Aleviten betonen die gleichberechtigte Existenz aller Religionen.

          Übertreibt es die Deutsche Alevitische Gemeinde nicht ein wenig mit ihrer Reaktion auf den Film?

          Grundsätzlich finde ich solche Reaktionsweisen immer überzogen. Doch offenbar haben die Aleviten das Gefühl, dass der Film alte Vorurteile wiederbeleben könnte, deshalb kann ich ihre Reaktion verstehen. Ich denke, mit dem Protest wollen die Aleviten auch zeigen, dass sie demokratische Mittel nutzen, um ihre Rechte einzufordern. Für viele Aleviten mag jetzt der Moment gekommen sein, sich als Religionsgemeinschaft zu präsentieren. Sie zeigen Vorurteile auf, die in der Türkei noch immer sehr lebendig sind.

          Wie ist ihre Situation dort heute?

          Sehr ambivalent. Auf der einen Seite interessieren sich vor allem türkische Intellektuelle immer mehr für die alevitische Kultur. Denn das alevitische Religionsmodell ist ein nichtwestliches und hat sich gleichzeitig als viel kompatibler für die Moderne gezeigt als das der Sunniten. Viele Türken entdecken plötzlich ihre alevitischen Wurzeln. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder Konflikte mit orthodoxen Muslimen. Die Aleviten sind sehr enttäuscht worden in der Türkei. Man hatte versprochen, sie als Religionsgemeinschaft anzuerkennen. Doch das ist bis heute nicht der Fall. Ihr großer Kummer ist, dass ihre Kinder den normalen muslimischen Schulunterricht besuchen müssen, obwohl sie von den Sunniten als Ketzer behandelt werden und sich die religiösen Inhalte einfach nicht decken.

          In vier deutschen Bundesländern wird dagegen im nächsten Schuljahr der alevitische Religionsunterricht eingeführt.

          Wahrscheinlich sind die Aleviten auch deshalb so über den Film enttäuscht. Ihre Proteste haben sicherlich auch damit zu tun, dass viele Aleviten ihren Glauben gerade neu entdecken. Die Aleviten mussten ihren Glauben wegen der Unterdrückung in der Türkei lange als Geheimlehre betreiben. Es galt sogar als Verrat an der Gemeinschaft, mit Fremden über Glaubensinhalte zu sprechen.

          Ihr erster Roman, in dem es um Aleviten geht, „Das Verschwinden des Schattens in der Sonne“, erschien 1973. Wie haben Sie recherchiert, wenn die Aleviten damals im Verborgenen lebten?

          Ich hatte in den sechziger Jahren ein Dissertationsprojekt, das sich mit einem islamischen Derwisch-Orden, den Bektaschies, beschäftigte. Hadschi Bektas Veli wird als Gründer der religiösen Gemeinschaft der Aleviten verehrt. Ich verbrachte neun Monate an der Universität von Erzerum, einer Stadt im Osten der Türkei. Damals sagten dort viele, es gebe gar keine Aleviten. Tatsächlich gelang es mir nicht, Kontakt zu Aleviten aufzunehmen. Die Doktorarbeit habe ich nie geschrieben, stattdessen verwendete ich mein gesammeltes Material für meinen Roman. In den achtziger Jahren hat mich dann ein junger Alevit kontaktiert, der das Buch gelesen hatte. So lernte ich die Alevitische Gemeinde in Wien kennen und habe später dort für meinen Roman „Die Schrift des Freundes“, in dem eine der Hauptfiguren ebenfalls ein türkischer Alevit ist, recherchiert.

          Was fasziniert Sie an der alevitischen Kultur?

          Dass in Anatolien eine Kultur existiert hat, die viel aufgeschlossener war als die Gesellschaft in den großen Städten.

          Worauf kommt es Ihnen an, wenn Sie Aleviten in Ihren Büchern beschreiben?

          Bei mir steht immer der Mensch im Vordergrund. Bei den Aleviten ist das ganz genauso. Im Gegensatz zu den Sunniten verstehen sie den Menschen nicht als Sklaven Gottes, sondern als ein eigenverantwortliches Geschöpf, in dem sich Gott jederzeit manifestieren kann. Die Aleviten kommen mit wenig Dogmatismus aus; sie sind flexibel bei der Gestaltung ihrer Religion. Das finde ich sympathisch. Denn natürlich ist es unmöglich, die Religion in der Diaspora so zu leben, wie die Aleviten es in Anatolien taten.

          Ein weiterer Einwand gegen den „Tatort“ bezieht sich darauf, dass eine junge Alevitin sich für das Kopftuch entscheidet, um sich vor sexueller Ausbeutung zu schützen. Das sei „Schleichwerbung für den Islam im Sinne der orthodoxen Muslime“, meint die Alevitische Gemeinde. Ist es überhaupt denkbar, dass sich in der aufgeschlossenen alevitischen Kultur ein Mädchen verschleiert?

          Das sind Dinge, die passieren. Bei einer fiktiven Geschichte muss man natürlich vorsichtig mit den Motiven sein, die man als ausschlaggebend dafür nennt. In meinem Roman „Der Sommer, in dem Anna verschwunden war“ entscheidet sich ebenfalls ein alevitisches Mädchen dafür, das Kopftuch zu tragen. Aber sie macht das nicht, weil sie dem orthodoxen Islam anhängt, sondern um gegen ihren sehr weichherzigen Vater zu rebellieren.

          Trägt der Streit um den „Tatort“ nicht dazu bei, dass das Thema Sexualität und Gewalt gegen Frauen in türkischen Familien weiter tabuisiert wird?

          Das denke ich nicht. Mich stört die Tendenz, dass Themen wie Gewalt und sexueller Missbrauch immer stärker nationalisiert werden. Das sind Dinge, die in allen Gesellschaften vorkommen. Warum musste es ausgerechnet eine alevitische Familie sein, in der der Vater die Tochter vergewaltigt? Im Fernsehen war bisher nie die Rede von Aleviten. Nun auf einmal doch und ausgerechnet mit solch einem Vorwurf. Man muss vorsichtig sein, wenn man dieses Thema auf eine Familie projiziert, die einer Minderheit angehört. Es wird schnell verallgemeinert.

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