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Barbara Frischmuth im Gespräch : Die Aleviten sind sehr enttäuscht

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In vier deutschen Bundesländern wird dagegen im nächsten Schuljahr der alevitische Religionsunterricht eingeführt.

Wahrscheinlich sind die Aleviten auch deshalb so über den Film enttäuscht. Ihre Proteste haben sicherlich auch damit zu tun, dass viele Aleviten ihren Glauben gerade neu entdecken. Die Aleviten mussten ihren Glauben wegen der Unterdrückung in der Türkei lange als Geheimlehre betreiben. Es galt sogar als Verrat an der Gemeinschaft, mit Fremden über Glaubensinhalte zu sprechen.

Ihr erster Roman, in dem es um Aleviten geht, „Das Verschwinden des Schattens in der Sonne“, erschien 1973. Wie haben Sie recherchiert, wenn die Aleviten damals im Verborgenen lebten?

Ich hatte in den sechziger Jahren ein Dissertationsprojekt, das sich mit einem islamischen Derwisch-Orden, den Bektaschies, beschäftigte. Hadschi Bektas Veli wird als Gründer der religiösen Gemeinschaft der Aleviten verehrt. Ich verbrachte neun Monate an der Universität von Erzerum, einer Stadt im Osten der Türkei. Damals sagten dort viele, es gebe gar keine Aleviten. Tatsächlich gelang es mir nicht, Kontakt zu Aleviten aufzunehmen. Die Doktorarbeit habe ich nie geschrieben, stattdessen verwendete ich mein gesammeltes Material für meinen Roman. In den achtziger Jahren hat mich dann ein junger Alevit kontaktiert, der das Buch gelesen hatte. So lernte ich die Alevitische Gemeinde in Wien kennen und habe später dort für meinen Roman „Die Schrift des Freundes“, in dem eine der Hauptfiguren ebenfalls ein türkischer Alevit ist, recherchiert.

Was fasziniert Sie an der alevitischen Kultur?

Dass in Anatolien eine Kultur existiert hat, die viel aufgeschlossener war als die Gesellschaft in den großen Städten.

Worauf kommt es Ihnen an, wenn Sie Aleviten in Ihren Büchern beschreiben?

Bei mir steht immer der Mensch im Vordergrund. Bei den Aleviten ist das ganz genauso. Im Gegensatz zu den Sunniten verstehen sie den Menschen nicht als Sklaven Gottes, sondern als ein eigenverantwortliches Geschöpf, in dem sich Gott jederzeit manifestieren kann. Die Aleviten kommen mit wenig Dogmatismus aus; sie sind flexibel bei der Gestaltung ihrer Religion. Das finde ich sympathisch. Denn natürlich ist es unmöglich, die Religion in der Diaspora so zu leben, wie die Aleviten es in Anatolien taten.

Ein weiterer Einwand gegen den „Tatort“ bezieht sich darauf, dass eine junge Alevitin sich für das Kopftuch entscheidet, um sich vor sexueller Ausbeutung zu schützen. Das sei „Schleichwerbung für den Islam im Sinne der orthodoxen Muslime“, meint die Alevitische Gemeinde. Ist es überhaupt denkbar, dass sich in der aufgeschlossenen alevitischen Kultur ein Mädchen verschleiert?

Das sind Dinge, die passieren. Bei einer fiktiven Geschichte muss man natürlich vorsichtig mit den Motiven sein, die man als ausschlaggebend dafür nennt. In meinem Roman „Der Sommer, in dem Anna verschwunden war“ entscheidet sich ebenfalls ein alevitisches Mädchen dafür, das Kopftuch zu tragen. Aber sie macht das nicht, weil sie dem orthodoxen Islam anhängt, sondern um gegen ihren sehr weichherzigen Vater zu rebellieren.

Trägt der Streit um den „Tatort“ nicht dazu bei, dass das Thema Sexualität und Gewalt gegen Frauen in türkischen Familien weiter tabuisiert wird?

Das denke ich nicht. Mich stört die Tendenz, dass Themen wie Gewalt und sexueller Missbrauch immer stärker nationalisiert werden. Das sind Dinge, die in allen Gesellschaften vorkommen. Warum musste es ausgerechnet eine alevitische Familie sein, in der der Vater die Tochter vergewaltigt? Im Fernsehen war bisher nie die Rede von Aleviten. Nun auf einmal doch und ausgerechnet mit solch einem Vorwurf. Man muss vorsichtig sein, wenn man dieses Thema auf eine Familie projiziert, die einer Minderheit angehört. Es wird schnell verallgemeinert.

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