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Autorin Stefanie Sargnagel : Kleine Katzen tritt man nicht

Sieht so die Chronistin eines Gewaltaktes gegen kleine Katzen aus? Autorin Sargnagel, Opfer mangelnder Literaturkompetenz der Boulevardjournaille. Bild: Picture-Alliance

Die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel schreibt eine Satire – und wird zum Ziel einer Hasskampagne. Vor allem die „Kronen-Zeitung“ macht Stimmung.

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          „Irgendwie wird mir vieles über österreichische Literatur erst jetzt so richtig klar“, twitterte Stefanie Sargnagel am Sonntag, und sie hat recht: uns auch. Die momentane Klagenfurter Stadtschreiberin steht im Zentrum eines Vorgangs, den man nicht als Posse bezeichnen möchte, denn vieles daran ist dezidiert unpossierlich – vor allem die Rolle der „Kronen-Zeitung“.

          Stefanie Sargnagel selbst bezeichnet die Angelegenheit als „Babykatzengate“, denn darum ging es zunächst: Die Autorin befand sich mit einigen befreundeten Schriftstellerinnen in Marokko, um ihren Roman fertigzustellen, und bekam dafür einen staatlichen Zuschuss von 750 Euro. Gleichzeitig schrieben die Frauen für die Tageszeitung „Der Standard“ ein Reisetagebuch, das sehr erkennbar satirisch überzeichnet ist und nicht die wirklichen Ereignisse dieser Reise abbildet. Das muss man so deutlich dazusagen, denn zumindest der „Kronen-Zeitung“ ist die Unterscheidung zwischen zugespitzter Fiktion und Realität nicht geläufig.

          „Willig“ am Strand herumgesessen

          Hier also die inkriminierte Stelle im Wortlaut: „Lydia ist die einzige Vegetarierin der Gruppe, aber im Unterschied zu den anderen VegetarierInnen, die ich kenne, ist sie es nicht, weil sie Tiere liebt, sondern weil sie Tiere zutiefst hasst. Heute hat sie eine Babykatze zur Seite getreten mit der Behauptung, sie habe Tollwut, danach biss sie selbstzufrieden in eine vegetarische Crêpe.“ Des weiteren spielt Stefanie Sargnagel gerne mit sämtlichen Marokko-Klischees von Haschischkonsum über Kamele bis zum übergriffigen Nafri, der sie aber in Ruhe gelassen habe, obwohl sie „willig“ am Strand herumgesessen habe. Die Frauen wandern lästernd durch André Hellers Paradiesgarten und reflektieren ihr Dasein als Touristen.

          Das ist böse und lustig, aber man muss ein paar Grundbegriffe der Satire verinnerlicht haben, um den Text nicht misszuverstehen. Die „Kronen-Zeitung“ tat das, und zwar zum Weltfrauentag: „Literaturreise“ schrieb das Blatt in Anführungszeichen in die Dachzeile eines Artikels, die Überschrift lautete: „Saufen und Kiffen auf Kosten der Steuerzahler“. Der Chefredakteur Richard Schmitt empörte sich: „Mit 1500 Euro durften wir Steuerzahler also das zehntägige Besäufnis, das Haschen, das Katzentreten sowie eine Muezzin-Schmuserei dieser Literatur-Ausflüglerinnen subventionieren.“

          Im Internet teilten viele den Artikel, insbesondere Anhänger der FPÖ fühlten sich durch ihn in ihren Ansichten bestätigt. Stefanie Sargnagel erlebte Hassausbrüche sondergleichen. Tausende „Krone“-Leser wollten unter massivem Ausstoß von Drohungen und Vergewaltigungswünschen die marokkanischen Babykatzen rächen. Die Kärntner „Krone“ legte noch nach: Sie bezeichnete Sargnagel als „bekifft“ und „willig“ und gab einen deutlichen Hinweis auf ihre Klagenfurter Stadtschreiberwohnung. Damit wurde eine Grenze überschritten – selbst für österreichische Boulevardverhältnisse. Wenn gegen eine junge Frau unter Hinweis auf ihren Aufenthaltsort auf breiter Front Stimmung gemacht wird, weil jemandem ihre Texte nicht gefallen, hat das mit Meinungsfreiheit nicht mehr viel zu tun. Es ist Hetze. Die auch nicht dadurch verständlicher wird, wenn man weiß, dass Sargnagel sich immer wieder FPÖ-kritisch äußert. Sie gründete außerdem die Burschenschaft Hysteria, eine Parodie auf akademische Verbindungen, die immer wieder mit Aktionen auf sich aufmerksam macht.

          In guter, literarischer Tradition

          Stefanie Sargnagel veröffentlichte die schlimmsten Kommentare auf Facebook – und wurde von dem Netzwerk vorübergehend gesperrt. Warum, dazu gibt es verschiedene Theorien. Der Schriftsteller Thomas Glavinic verbreitet in einer Nebenhandlung dieser Affäre die Ansicht, Sargnagels feministische Anhängerschaft hätte seinen Computer gehackt und pornographische Bilder von ihm auf Sargnagels Facebookaccount verbreitet, doch das scheint eher abwegig. Wahrscheinlicher ist, dass ein Text, der die Babykatzensatire noch weiterdreht („auch Babykamele ausgepeitscht“), von Gegenspielern der Autorin gezielt bei Facebook als missbräuchlich gemeldet wurde.

          Stefanie Sargnagel wird juristisch gegen die „Krone“ vorgehen, sie sei mit Anwälten in Kontakt, sagte sie dem ORF, denn man müsse „diesen Leuten gewisse Grenzen aufzeigen“. Um die Hasspostings kümmert sich das Landesamt für Verfassungsschutz. Sargnagel steht in guter, literarischer Tradition: Auch der Schriftsteller Thomas Bernhard legte sich einst mit der „Krone“ an, die im Jahr 1988 Ausschnitte aus seinem unveröffentlichten Drama „Heldenplatz“ unter skandalisierenden Überschriften wie „Steuerzahler soll für Österreich-Besudelung auch noch zahlen!“ druckte – missverständlich und ohne Kontext.

          In Österreich stehen die Fronten offenbar seit fast dreißig Jahren stabil zwischen Kulturschaffenden auf der einen, Boulevard und FPÖ auf der anderen Seite. Die Aufregungen sind die gleichen, der Unterschied ist, dass sich die Angriffe durch das Internet deutlich verstärken und beschleunigen. Das sollte auch die „Krone“ wissen, wenn sie durch Skandalisierungen die Aufmerksamkeit auf sich zu richten versucht: Sie stachelt einen Mob an, der kaum noch zu kontrollieren ist.

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