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Autonomes Fahren : Sie machen zu große Sprünge

Unberechenbar: Ein Känguru hält am Rande eines Golfplatzes bei Canberra Ausschau. Bild: EPA

Gurus des digitalen Straßenverkehrs sagen: Wir sind bald alle Beifahrer, Algorithmen sind am Steuer besser. In Australien zeigt sich, dass das nicht stimmt. Kängurus werfen selbstfahrende Autos aus der Bahn.

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          In der idealen Welt autonomer Autobauer rollt alles reibungslos dahin: Personen steigen in von unsichtbarer Hand geführte Karossen und lassen sich geschmeidig an ihr Ziel chauffieren; Güter rauschen ohne schlaftrunkenen Fahrer am Steuer in selbstfahrenden Lastern von A nach B – der Mensch denkt, der Algorithmus lenkt.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Dumm nur, dass es auch in der digital besten aller möglichen Welten diese lästigen unberechenbaren Störfaktoren gibt: selbstfahrende Menschen zum Beispiel. Ob beim Frontalzusammenstoß eines autonomen Google-Fahrzeugs mit einem Linienbus in Kalifornien oder dem Unfall mit Todesfolge, den ein Tesla-Auto in Amerika baute; ob im Fall des im Autopilot-Modus von Tesla gerammten Busses auf einer deutschen Autobahn oder bei der Kollision eines autonomen Uber-Taxis in Arizona mit einem Lastwagen – entweder heißt es: Nun gut, unsere Software hat da einen Fehler gemacht, der wäre nichts passiert, hätte sich das Auto nicht bewegt (ach!), oder es heißt, der Mensch dürfe sich eben nicht auf den bloß vermeintlichen Autopiloten verlassen, sondern müsse jederzeit „voll konzentriert“ Beifahrer spielen, der notfalls das Lenkrad rumreißt (aber warum dann nicht gleich selbst fahren?). Oder aber es waren – wie seit jeher im Straßenverkehr – eben die anderen schuld.

          Autonomes Fahren : Digitale Konzepte gegen das Verkehrschaos

          Hierzulande warnt die Ethikkommission vor automobiler Totalüberwachung und dem kühl kalkulierenden Abwägen potentieller Unfallopfer (Oma überfahren oder Kleinkind, das könnte hier die Frage sein) und fordert den Menschen als letzte Instanz am Steuer, Juristen grübeln über Haftungsfragen – während am anderen Ende der Welt schon wieder ganz neue Gefahren auf die Fahrbahn hüpfen: Kängurus.

          Die springfidelen Beuteltiere nämlich treiben das „Large Animal Detection System“ von Volvo in den Wahnsinn beziehungsweise dessen Entwickler, die mit diesem Erkennungssystem für große Tiere auf der Straße autonome Testfahrzeuge in Australien ausstatten wollen. Den Elchtest daheim in Schweden soll das Programm tadellos überstanden haben und auch angesichts von Rehen vorschriftsmäßig in die Eisen steigen. Aber ein federnd voranschnellendes, felliges Etwas auf zwei Beinen mit langem Schwanz, das Sätze von bis zu neun Metern hinlegt, da kommt die Software nicht mehr hinterher.

          Im Sprung sieht das Känguru für den Bordcomputer weiter weg aus als bei gleicher Distanz am Boden, und ein Gangmuster, an dem er sonst Menschen wie Tiere überhaupt erst erkennt, hat es gar nicht. Bei jährlich mehr als 15000 Känguru-Unfällen auf Australiens Straßen, über die nebenher auch wilde Kamele oder Emus spurten, bedeutet das für den Autohersteller: zurück auf Los und weiter rechnen. Bis autonome Riesenlaster durch das Outback donnern, wird es also wohl noch ein Weilchen dauern. Und wehe, da sind dann auch noch tieffliegende Lieferdrohnen unterwegs..

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