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Automatisierung des Denkens : Die Freisetzung

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Wir sollten nutzen, was uns von der autonomen Maschine unterscheidet: den Verstand Bild: George Logan/laif

Die Maschinen haben uns die körperliche Arbeit abgenommen. Jetzt wird auch das Denken automatisiert. Was müssen Politik und Gesellschaft tun, damit nicht nur Konzerne profitieren? Eine Lektüre für die Koalitionsverhandlungen.

          Maschinen bestimmen unseren Alltag schon seit langer Zeit. Die Macht und das Wissen, die Energie der Bewegung von Wind und Wasser so zu nutzen, dass sein Leben leichter, seine Arbeit produktiver wurde, hat der Mensch bereits seit Jahrtausenden. Bessere, schnellere, leistungsfähigere Maschinen und Automaten vervielfachen unsere Kraft. Seit dem Heraufdämmern des Computerzeitalters verstärken sie auch unsere geistigen Kräfte, lassen uns Informationen schneller und auf immer neue Arten verarbeiten und Systeme bauen, deren Komplexität das Fassungsvermögen des menschlichen Gehirns bei weitem übersteigt.

          Der jeweilige Stand der Technologie hat die Struktur der Gesellschaft, das Zusammenleben, die Kommunikation, die Arbeit und die ökonomischen Zustände beeinflusst und manchmal ganz direkt bestimmt. Immer wenn sich eine neue Technologiewelle durchsetzte, kam es zu teils dramatischen Umwälzungen, die oft für großes Leid, Ungerechtigkeiten und Machtverschiebungen, aber auch für neuen Wohlstand, Beschleunigung von täglichen Abläufen oder neue Bequemlichkeiten sorgten.

          Etablierte Lebens-, Arbeits- und Denkweisen wurden zum Teil binnen weniger Jahre obsolet, über lange Zeit erworbene Fertigkeiten und Kenntnisse wertlos.

          Die Frage, wie jene technologischen Umbrüche bewältigt werden können, die durch die Digitalisierung und Vernetzung, durch die Beschleunigung der Kommunikation und Datenverarbeitung und durch die weitreichende Automatisierung und immer „intelligenter“ werdende Algorithmen gerade geschehen, ist eines der Kernprobleme unserer Zeit.

          Freundliche Maschinen

          Sobald Roboter in der Lage sind, die Tätigkeiten, die heute beispielsweise von billigen chinesischen Fließbandarbeitern erledigt werden, mit der gleichen Flexibilität durchzuführen, ändert sich das Spiel der globalen Wirtschaft grundlegend. Schon heute ist der Trend zurück zur Produktion in der Nähe der Endabsatzmärkte in vielen Branchen klar zu sehen. Industrien mit sehr hohem Automatisierungsgrad, wie etwa die Fahrzeugbranche, bauen seit Jahren neue Fabriken direkt in ihren Hauptabsatzländern.

          Je geringer der Anteil der Lohnkosten an einem Produkt ist, desto mehr treten andere Faktoren für die Standortwahl in den Vordergrund. Transportkosten, Infrastruktur, Stromnetze, Umweltfaktoren, Verfügbarkeit von hochqualifiziertem Personal, Steuerbelastung, politische Stabilität und sonstige regulatorische Faktoren bestimmen letztlich die Profitabilität weitaus stärker als die Kosten für das Personal. Das Kapital, das erforderlich ist, um die nötigen Investitionen zu tätigen, die eine menschenarme Fertigung ermöglichen, wird zum entscheidenden Produktionsmittel.

          Diese Situation findet sich im Grunde überall da, wo es um große Mengen Daten von und über Menschen geht. Es gibt erhebliche Potentiale für Automatisierung und eine gesamtgesellschaftliche Effizienzsteigerung, die sich nicht nur auf den derzeit im Vordergrund stehenden ewigen Drang beziehen, uns allen mehr zu verkaufen. Die Frage, wie und zu wessen Nutzen die Daten, die wir überall und ständig produzieren und hinterlassen, genutzt werden sollen, wird ganz entscheidend dafür sein, wie die Zukunft unserer Arbeits- und Lebenswelt aussehen wird.

          Derzeit wird das Öl des Informationszeitalters privatisiert, ohne Gewinn für die Allgemeinheit - außer vielleicht der vagen Versicherung, dass der Service dadurch besser würde. Mehr Daten über Nutzer und Kunden zu besitzen ist weitgehend zu einem Selbstzweck geworden - getrieben durch das Versprechen, dass man aus diesen Daten erhebliche Rationalisierungs- und Effizienzsteigerungspotentiale und damit höheren Profit realisieren kann, wenn man sie nur mit entsprechend guten Algorithmen auswertet.

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