https://www.faz.net/-gqz-9cc5i

Friedensausstellungen : Nichts wird so leichtfertig aufs Spiel gesetzt

In Zeiten des Krieges herbeigesehnt, als scheinbar Selbstverständliches stets gefährdet: Münster huldigt mit fünf Ausstellungen in vier Museen dem Frieden und setzt sich damit ein Denkmal.

          4 Min.

          Zu den verstörenden Exponaten einer fünffachen Münsteraner Huldigung des Friedens gehört ein Marienbild mit dem Christuskind auf dem Arm. Das Kind hält das abgeschlagene Haupt eines Osmanen hoch, Maria steht auf dem Enthaupteten. Der Kupferstich von 1634 soll an die Seeschlacht von Lepanto erinnern, in der die „Heilige Liga“ die Flotte des Osmanischen Reichs besiegte. Eine einmalige Entgleisung?

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Auf der Leipziger Messe soll nach der osmanischen Belagerung Wiens 1683 mit abgeschlagenen Häuptern gehandelt worden sein, vermerkt der Katalog zur Ausstellung des Bistums Münster „Frieden – wie im Himmel so auf Erden?“ Den Kopf-ab-Kupferstich haben sich die Kunsthistoriker des Bistums für die letzten Meter ihrer Inszenierung aufgehoben, die mit dem Weltgebetstreffen von 1986 in Assisi endet.

          Ein Happy End also, sollte man meinen, das auch schon früher zu haben gewesen wäre: Mit der Arche Noah beginnt die Ausstellung, mit der Taube und dem Ölzweig, mit dem Regenbogen. Bis heute unerfüllte Sehnsucht, ist der ewige Friede da noch die Sache eines Diktatfriedens zwischen Gott und Mensch. Wenn er auch, wie so viele Diktatfrieden, nicht lange hielt, so hat er den Menschen wenigstens ewige Symbole für den ewigen Frieden gegeben. Die Taube, die Picasso nach dem Zweiten Weltkrieg schuf, ist dafür die Ikone. Auch der Regenbogen erfreut sich bleibender Beliebtheit, zumindest dort, wo der Friede zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Zweifel sät das abgeschlagene Haupt.

          Frieden ist – alles

          Es ist dies die Spannweite in nur einer von fünf gleichzeitigen Ausstellungen in Münster, die den Frieden zum Thema haben. Gezeigt werden sie im Ärchäologischen Museum der Universität, im Kunstmuseum Pablo Picasso (die Taube!), im Museum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe für Kunst und Kultur, im Stadtmuseum und vom Bistum Münster. Die Anlässe liegen auf der Hand: hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und vierhundert Jahre nach dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges.

          Und noch ein Jubiläum: Das Stadtmuseum erinnert daran, dass die Nazis vor siebzig Jahren in Münster den „Endsieg“ feiern wollten – dreihundert Jahre nach dem Westfälischen Frieden. Schon die Aneinanderreihung dieser Zahlen und Zäsuren zeigt, auf was sich die Münsteraner da eingelassen haben. Man muss nicht Dolf Sternberger gelesen haben, um für das Reich der Politik zu wissen: Frieden ist – alles.

          Hervorgegangen ist das Friedensprojekt, für dessen Besichtigung man mehrere Tage einplanen sollte, aus dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität, dessen Sprecher, der Mediävist Gert Althoff, den Anstoß gab. Sein Name ist Gewähr für das Denken in langer Dauer: Die Techniken, die Prinzipien, die Sicherung des Friedens waren zu ganz unterschiedlichen Zeiten „durchaus vergleichbar“, schreibt Althoff in seinem Aufsatz zur Hauptausstellung „Wege zum Frieden“ im Museum des Landschaftsverbands.

          Wandel durch Annäherung?

          Liegt das daran, dass die grundlegenden Erfahrungen, die zumindest Europa mit der Friedensstiftung gesammelt hat, aus der Zeit vor dem Gewaltmonopol des Staates stammen, als Fehden nicht nur Kriegskunst förderten, sondern auch die Kunst der Vertrauensbildung, der Vermittlung, der Freundschaft und der ständigen Kommunikation – kurz: des Wandels durch Annäherung? Frühneuzeitliche Darstellungen von Friedensbotschaften passen unter dieser Fragestellung jedenfalls immer wieder gut neben ganz aktuellen – dem Kniefall Willy Brandts in Warschau oder der Begegnung Kohls und Gorbatschows im Kaukasus.

          Beides war Ausdruck einer Friedensordnung von (bis vor kurzem jedenfalls) beachtlicher Dauer, meistens aber galt und gilt: der Friede birgt den Krieg in sich. Erstaunlich ist, dass erst Peter Paul Rubens, selbst diplomatisch unterwegs, damit bricht, im Wechsel von Mars und Venus ein gottgegebenes und gottverdammtes Naturschauspiel zu sehen, das dem Menschen entzogen ist. Was die Menschheit unter Krieg versteht, die Grausamkeit, Verheerung und Hölle, führte erst er seinen Zeitgenossen ganz ohne Allegorie und schonungslos vor Augen.

          Die Verzweiflung daran, dass nichts sehnlicher herbeigewünscht wird als das Ende des Krieges, nichts ahnungsloser aber aufs Spiel gesetzt wird als der Friede, ist erst wieder in den Schreckensbildern von Otto Dix zu spüren, die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg entstanden. Dass auf einem Leuchter aus dem Hildesheimer Dommuseum aus dem zwölften Jahrhundert Europa mit „Krieg“ gleichgesetzt wird, Afrika hingegen mit „Wissenschaft“und Asien mit „Reichtum“, war und ist nicht nur ein Spuk der Kreuzfahrerzeit.

          Nie wieder!

          Warum ist das so? Warum schon so oft: nie wieder! Danach aber: immer wieder. Warum ist der Wunsch nach Frieden nur im Krieg und kurz danach so überwältigend? Dann aber – ein Wunsch unter vielen, die durchaus damit zu tun haben: Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Souveränität, Gleichgewicht. Bis dann der Krieg wieder als die legitime Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln gilt. Die Ausstellungen in Münster wollen und können darauf keine Antwort geben. Zur Menschheitserfahrung gehört zumindest, dass der Friede kein Zustand ist, der erreicht wird, sondern eine Reise auf labilem Untergrund, die nie an ihr Ziel kommt, sondern immer nur Annäherung ist.

          An manchen Orten der Ausstellungen ahnt man dennoch, woran es liegen könnte, warum das Selbstverständliche nicht selbstverständlich ist. Vielleicht sollte man dafür die Ausstellung im Kunstmuseum des Landschaftsverbands von hinten besuchen, zuerst im Atrium, wo die Künstlerin Yael Bartana den jüdischen Brauch des „Taschlich“ in einer Videoinstallation umdeutet. Im jüdischen Ritual werden Krümel aus den Taschen in ein Gewässer geschüttelt, wie um die Sünden loszuwerden.

          „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“

          Bartana schüttelt das kollektive Gedächtnis über der Leinwand aus, Erinnerungen rieseln herab, um im Bewusstsein zu bleiben, aber auch um vergessen zu können. Das ist das Dilemma des Friedens: nicht vergessen dürfen, aber vergessen müssen. Vom Balkon des Atriums herab posaunte übrigens Kaiser Wilhelm II. seine wenig friedvolle Botschaft herunter: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“

          Ein anderer Ort ist nur wenige Schritte vom Museum entfernt, quer über den Domplatz. Der Dom ist voller Kunstwerke der Akademie Münster zum Friedensthema. Dazu gehört auch der Friedensgruß der drei abrahamitischen Religionen. Über dem Eingang zum St.-Paulus-Dom steht: „As-salamu ’alaikum“. Dabei rieselt im Kopf die Erinnerung an die Kupferstich-Maria herab, die man gleich wieder vergessen möchte – wie vieles andere auch aus der eigenen und aus einer fremden Gegenwart. Schnell also die Krümel aus den Taschen geschüttelt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bei einer Veranstaltung im August 2020 in Ahlen

          Allensbach-Umfrage : Die SPD kann nicht von Scholz profitieren

          Nur eine Minderheit glaubt, dass der Kanzlerkandidat der SPD die Unterstützung seiner Partei hat. Und das ist noch nicht das größte Problem der Sozialdemokraten, wie eine neue Umfrage zeigt.

          Spenden nach Ginsburgs Tod : Die Angst, die großzügig macht

          Kaum war Ruth Bader Ginsburg tot, flossen demokratischen Wahlkämpfern Spenden in Millionenhöhe zu – mehr denn je. Fällt Trumps Supreme-Court-Plan den Republikanern auf die Füße?

          Corona-Pandemie : Trump vor UN: China zur Rechenschaft ziehen

          Amerikas Präsident wirft Peking zum Auftakt der UN-Generaldebatte vor, die Welt über das Coronavirus getäuscht zu haben. Chinas Staatschef weist das zurück und verlangt Mäßigung, während Putin den russischen Impfstoff bewirbt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.