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Friedensausstellungen : Nichts wird so leichtfertig aufs Spiel gesetzt

Beides war Ausdruck einer Friedensordnung von (bis vor kurzem jedenfalls) beachtlicher Dauer, meistens aber galt und gilt: der Friede birgt den Krieg in sich. Erstaunlich ist, dass erst Peter Paul Rubens, selbst diplomatisch unterwegs, damit bricht, im Wechsel von Mars und Venus ein gottgegebenes und gottverdammtes Naturschauspiel zu sehen, das dem Menschen entzogen ist. Was die Menschheit unter Krieg versteht, die Grausamkeit, Verheerung und Hölle, führte erst er seinen Zeitgenossen ganz ohne Allegorie und schonungslos vor Augen.

Die Verzweiflung daran, dass nichts sehnlicher herbeigewünscht wird als das Ende des Krieges, nichts ahnungsloser aber aufs Spiel gesetzt wird als der Friede, ist erst wieder in den Schreckensbildern von Otto Dix zu spüren, die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg entstanden. Dass auf einem Leuchter aus dem Hildesheimer Dommuseum aus dem zwölften Jahrhundert Europa mit „Krieg“ gleichgesetzt wird, Afrika hingegen mit „Wissenschaft“und Asien mit „Reichtum“, war und ist nicht nur ein Spuk der Kreuzfahrerzeit.

Nie wieder!

Warum ist das so? Warum schon so oft: nie wieder! Danach aber: immer wieder. Warum ist der Wunsch nach Frieden nur im Krieg und kurz danach so überwältigend? Dann aber – ein Wunsch unter vielen, die durchaus damit zu tun haben: Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Souveränität, Gleichgewicht. Bis dann der Krieg wieder als die legitime Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln gilt. Die Ausstellungen in Münster wollen und können darauf keine Antwort geben. Zur Menschheitserfahrung gehört zumindest, dass der Friede kein Zustand ist, der erreicht wird, sondern eine Reise auf labilem Untergrund, die nie an ihr Ziel kommt, sondern immer nur Annäherung ist.

An manchen Orten der Ausstellungen ahnt man dennoch, woran es liegen könnte, warum das Selbstverständliche nicht selbstverständlich ist. Vielleicht sollte man dafür die Ausstellung im Kunstmuseum des Landschaftsverbands von hinten besuchen, zuerst im Atrium, wo die Künstlerin Yael Bartana den jüdischen Brauch des „Taschlich“ in einer Videoinstallation umdeutet. Im jüdischen Ritual werden Krümel aus den Taschen in ein Gewässer geschüttelt, wie um die Sünden loszuwerden.

„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“

Bartana schüttelt das kollektive Gedächtnis über der Leinwand aus, Erinnerungen rieseln herab, um im Bewusstsein zu bleiben, aber auch um vergessen zu können. Das ist das Dilemma des Friedens: nicht vergessen dürfen, aber vergessen müssen. Vom Balkon des Atriums herab posaunte übrigens Kaiser Wilhelm II. seine wenig friedvolle Botschaft herunter: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“

Ein anderer Ort ist nur wenige Schritte vom Museum entfernt, quer über den Domplatz. Der Dom ist voller Kunstwerke der Akademie Münster zum Friedensthema. Dazu gehört auch der Friedensgruß der drei abrahamitischen Religionen. Über dem Eingang zum St.-Paulus-Dom steht: „As-salamu ’alaikum“. Dabei rieselt im Kopf die Erinnerung an die Kupferstich-Maria herab, die man gleich wieder vergessen möchte – wie vieles andere auch aus der eigenen und aus einer fremden Gegenwart. Schnell also die Krümel aus den Taschen geschüttelt.

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