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Warschauer Aufstand 1944 : Damals war jeder Brief ein Stück Freiheit

Als der Sieg noch in Reichweite lag: Koloriertes Einzelfoto aus dem polnischen Dokumentarfilm „Powstanie Warszawskie“ („Warsaw Uprising“) von 2014 Bild: Museum Warschauer Aufstand 1944

Vor 75 Jahren erhoben sich die Polnische Heimatarmee und die Warschauer Zivilbevölkerung gegen ihre deutschen Besatzer. Eine Berliner Ausstellung zeigt, dass Polen einen besonderen Platz in der europäischen Erinnerung verdient.

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          Eine rote Blechbox, geschwärzt und zerkratzt, darauf mit weißer Farbe die Worte: „Poczta Powstancza“. Darunter, ebenfalls in Weiß, ein ungelenk gemalter Königsadler. Neun Wochen lang, vom 1. August bis zum 2. Oktober 1944, war dies der Briefkasten der befreiten Republik Polen, die sich auf wenige Quadratkilometer umkämpften Warschauer Bodens beschränkte und keine Zukunft hatte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Fast viertausend Briefe wurden täglich geleert und befördert, ehe sich die letzten Kämpfer der Armia Krajowa, der Polnischen Heimatarmee, den deutschen Belagerern des Stadtzentrums ergaben. Um die Post im Aufstandsgebiet nicht zu überlasten, wurden die Briefschreiber gebeten, sich auf zwei Dutzend Wörter zu beschränken: Aphoristik als patriotische Pflicht.

          Kluge und einprägsame Schautafeln

          In der Ausstellung, mit der die Berliner Stiftung Topographie des Terrors an den fünfundsiebzigsten Jahrestag des Warschauer Aufstands erinnert, ist der Briefkasten eines der wenigen dreidimensionalen Objekte. Die Masse des Gezeigten besteht aus Schautafeln, klugen und einprägsamen Montagen aus historischen Fotos, Diagrammen und erklärenden Texten. So wird der Weg der Polen von der militärischen Niederlage im Herbst 1939 über die blutigen Repressionen der deutschen Besatzungszeit bis zum Aufstand neun Monate vor Kriegsende augenfällig: das diplomatische Ringen der Londoner Exilregierung, die Erfolge der ersten Augusttage, der Gegenschlag der SS-Einsatztruppen, die Massenmorde, der Kampf von Haus zu Haus.

          Die Armia Krajowa legte Wert darauf, dass ihre Kämpfer als reguläre Kombattanten behandelt wurden, deshalb machte sie Männer wie Frauen durch Feldzeichen kenntlich.

          Aber auch die dinglichen Exponate sprechen eine klare Sprache: eine Armbinde, ein Armee-Ausweis, eine Tageszeitung vom 2. August 1944, eine selbstgebaute Maschinenpistole. Die Armia Krajowa legte Wert darauf, dass ihre Kämpfer als reguläre Kombattanten behandelt wurden, deshalb machte sie Männer wie Frauen durch Feldzeichen kenntlich. Die Überlebenden der Heimatarmee gingen in Kriegsgefangenschaft, die Zivilbevölkerung der Stadt wurde in Konzentrationslager gebracht.

          Ein Mahnmal nur für die Polen

          Die Ausstellung, die vom Museum des Warschauer Aufstands in der polnischen Hauptstadt kuratiert wurde, war schon vor fünf Jahren in praktisch unveränderter Form in Berlin zu Gast. Trotzdem ist es, wenn man sie heute betrachtet, eine andere Ausstellung. Denn inzwischen wird darüber diskutiert, ein Mahnmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs zu errichten, am Askanischen Platz, vor der Ruine des Anhalter Bahnhofs und in Sichtweite des Deutschlandhauses, in dem ab 2021 die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung an die Vertreibungen der Kriegs- und der Nachkriegszeit erinnern will; und wie immer, wenn für eine einzelne Gruppe oder ein Volk ein besonderer Opferstatus gelten soll, gibt es Stimmen, die darin eine unangemessene Privilegierung sehen.

          Das langsame Ende eines Krieges: das diplomatische Ringen der Londoner Exilregierung, die Erfolge der ersten Augusttage, der Gegenschlag der SS-Einsatztruppen, die Massenmorde, der Kampf von Haus zu Haus.

          Die Ausstellung im Kellergraben der Topographie des Terrors zeigt, dass diese Kritik verfehlt ist. Die Polen haben nicht bloß unter der deutschen Besatzung gelitten, sie haben vier Jahre lang um ihre schiere Existenz gekämpft, und das Verhalten Stalins, der ihren Aufstand ausbluten ließ, hat ihrer Geschichte ein weiteres Trauma eingeprägt. Ein polnisches Mahnmal in Berlin wäre deshalb kein unzulässiger Akt der Bevorzugung. Es wäre eine notwendige Geste des Respekts.

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