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Ausstellung : Was ist deutsch?

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Berlin ist wieder eine Reise wert: „Nach Berlin!”, Plakat von Fritz Rosen, 1926 Bild: DHM

Nach langem Streit wird jetzt die große Deutschland-Schau im Historischen Museum Berlin eröffnet. In einigen Stunden wandelt der Besucher von den Römern zu Christo. Der erste Eindruck - ganz undeutsch: wenig Ambition, viel Charme.

          Die Plastik des polnischen Künstlers Mieczyslaw Stobierski ist strahlend weißes Grauen: Tausende von miniaturisierten Männern, Frauen und Kindern gehen den Weg von den Sammelstellen durch die Keller zu den Kammern und in das Krematorium Auschwitz II. Die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte stehen wie geronnen in der Ecke des Untergeschosses. Auf das riesige Ding hat jemand ein Blatt Papier gelegt und mit dem Edding einen Hinweis gekritzelt: „Vorsicht empfindliche Objekte.“ Das ist nicht übertrieben, wenn man vom Holocaust spricht.

          Jedes Museum stößt hier an Grenzen. Das Jüdische Museum, Yad Vashem und das Holocaust Museum in Washington haben an diesem Punkt das symbolische Gedenken gewählt. Berlin nimmt einen direkteren, dreidimensionalen Weg: Gründungsdirektor Christoph Stölzl hatte diese Landschaft des Grauens einst angekauft, nun werden sich die gewundenen Körper der kleinen weißen Gipsmännchen in die Erinnerung Abertausender Schüler einbrennen.

          Auf Umwegen war man lange genug

          So ist die gesamte Dauerausstellung zur deutschen Geschichte im Deutschen Historischen Museum: sie nimmt jetzt den direkten Weg, auf Umwegen war das Haus selber lang genug. Es begann in einem verschwundenen Land in einem anderen Jahrtausend: Als Helmut Kohl 1987 mit dem Entschluß zur Gründung eines Deutschen Historischen Museums daherkam, bogen sowohl die Geschichtswissenschaft als auch die Museen selbstbewußt in ihre Blütezeit ein: Der Historikerstreit hatte das Fach als entscheidendes Schlachtfeld um die intellektuelle Deutungshoheit etabliert, Größen wie Hans-Ulrich Wehler, Jürgen Kocka, Thomas Nipperdey, Lothar Gall, Eberhard Weis, Wolfgang und Hans Mommsen fuhren sich gegenseitig in die Parade mit dickleibigen Bänden, von denen die allermeisten - ernste Werke mit in den Anmerkungen verstecktem Humor - zu Bestsellern wurden.

          Typisch deutsch - als erstes sieht man Münzen: Halbaugustalis, Kaiser Friedrich II., um 1231

          Zugleich strömten Massen von Westdeutschen in die großen Ausstellungen zur Geschichte der Staufer, der Salier, der Karolinger, zur Geschichte der Hexen und nahezu jeder Stadt, Region und Provinz. Ein Prozeß der Zivilisierung und Versöhnung mit der Geschichte, der mit der kritischen Nachfrage zu den bis dato undiskutierten personellen Kontinuitäten der NS-Herrschaft etwa in Justiz und Wehrmacht durchaus einherging.

          „Es gibt sie also, die deutsche Geschichte“

          Als Willy Brandt 1985 das Museum für deutsche Geschichte in der Hauptstadt der DDR besuchte, schrieb er ins Gästebuch: „Es gibt sie also, die deutsche Geschichte.“ Auch die DDR kümmerte sich gegen Ende um den Bauernkrieg, ihren Luther und ihren Friedrich den Großen.

          Und Museen, auch das hatte man gegen Ende der Achtziger gelernt, konnten für Städte Unwahrscheinliches leisten. Paris hatte Ende der siebziger Jahre damit angefangen: Das Centre Pompidou von Richard Rogers und Renzo Piano hatte die ganze Innenstadt neu belebt, auch Stuttgart und Frankfurt erlebten durch Museumsneubauten eine Renaissance ihrer Urbanität; es ist ein Boom, der bis heute anhält. Doch das wichtigste Moment der großen europäischen Museumsprojekte - eine erneut alle Grenzen und Formen und Kosten sprengende Architektur für einen ambitionierten Neubau - enthielt ausgerechnet die oberste Auftraggeberin, die Geschichte selbst, dem Deutschen Historischen Museum vor. Das wiedervereinigte Deutschland hatte plötzlich einen Ort für die Vergangenheit, das Zeughaus Unter den Linden. Seit dem Jahr 2000 arbeitet man dort nun an der Dauerausstellung zur deutschen Geschichte. Die Fußball-WM setzte dann den Termin.

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