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Frankfurt in der NS-Zeit : Hitler war hier nicht nur auf Durchreise

Den Mantel behielt er an: Hitler trägt sich am 31. März 1938 ins Goldene Buch der Stadt Frankfurt ein, neben ihm Oberbürgermeister Friedrich Krebs Bild: Historisches Museum Frankfurt

Eine Stadt reiht sich ein: Das Historische Museum Frankfurt widmet dem Nationalsozialismus eine Ausstellung in drei Teilen. Sie besticht durch ihre zurückhaltende Darstellung.

          4 Min.

          Die Fotografie von 1934 zeigt eine größere Gruppe Männer in einer Frankfurter Gastwirtschaft. Die nationalsozialistische Betriebsgemeinschaft von Stadtgeschichtlichem Museum und Kunstgewerbemuseum sitzt vor Apfelweingläsern, die Mienen zeugen von einer selbstgewissen Feierlichkeit. Doch als Hauptperson nimmt der Blick des Betrachters einen ernst in die Kamera blickenden Herrn mit Halbglatze links der Bildmitte wahr. Es handelt sich um Guido Schönberger, Kustos für mittelalterliche Skulptur und Baugeschichte. Als Jude war er 1933 aus städtischen Diensten beurlaubt worden, hatte aber als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg erfolgreich auf Wiedereinstellung geklagt, protegiert von Museumsleiter Adolf Feulner. Schönbergers Mut und die Distanz, die seine Kollegen zu ihm zu wahren scheinen, umgeben ihn in dem Bild wie eine Aura. Die prekäre Sonderstellung währt wenige Jahre: Ende 1938 wird Schönberger nach Buchenwald deportiert. Immerhin, die Geschichte nimmt eine gerade noch glimpfliche Wendung, nach seiner Entlassung aus dem KZ kann er nach New York emigrieren.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          Die Fotografie und die Geschichte dahinter hätten sich auch in das lange gepflegte Selbstbild Frankfurts einfügen lassen, wonach die Stadt gewissermaßen unverschuldet von der Machtergreifung der Nationalsozialisten erfasst wurde: eine liberale, Hitler verhasste Metropole des Handels, der Zeitungen und der Banken, geprägt von der gemessen am Bevölkerungsanteil größten jüdischen Gemeinde im Deutschen Reich, Zentrum der architektonischen und künstlerischen Avantgarde der Zwanzigerjahre. Eine Stadt zudem, die diesem Selbstbild zufolge eine wenig radikale Spielart der nationalsozialistischen Herrschaft erlebte; Oberbürgermeister Friedrich Krebs konnte nach Kriegsende zahlreiche Zeugen für seine vermeintlich gemäßigte Haltung aufrufen und wurde schließlich als „Mitläufer“ geführt.

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