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Ausstellung „Recollecting“ : Die Dinge des Lebens

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„Sichergestellt” - Die Ausstellung „Recollecting” in Wien widmet sich im Nationalsozialismus geraubter Kunst Bild: Wolfgang Woessner/MAK

Jedes Exponat steht für einen Mord oder eine Vertreibung - und für jemanden, der von diesen Verbrechen profitierte: Eine Ausstellung über „Raub und Restitution“ im Wiener Museum für Angewandte Kunst zeigt, was mit jüdischem Besitz nach 1945 passierte.

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          Da ist zum Beispiel dieses Fotoalbum: Es zeigt eine gutbürgerliche Wohnung in Wien, auf dem ersten Bild sieht man die Diele, den Salon, ein anderes zeigt das Speisezimmer und eine Jugendstil-Sitzecke. Es ist eine gemütliche, stilvolle Wohnung; sie hatte bis 1938 einem jüdischen Apotheker gehört. Er lebte mit seiner Frau und seinen drei Kindern in der Mahlerstraße. Dann kam der Anschluss: Die Mahlerstraße wurde in Meistersingerstraße umgetauft, dem Apotheker wurde die Wohnung weggenommen, eine andere Familie zog ein. Der Apotheker starb 1939, seine Frau Helene und sein Sohn Kurt wurden am 12. Mai 1942 von Wien nach Izbica deportiert. Die beiden Töchter Gerda und Luise konnten nach Belgien und Großbritannien fliehen, wo sie den Krieg überlebten. Sie kamen 1945 zurück in ihre alte Wohnung.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          In der Schublade ihres alten Schreibtisches fanden die Schwestern ein Fotoalbum, das sie nicht kannten – es zeigte ihre Wohnung, ihre Möbel, aber die Bilder hatten nicht sie gemacht, sondern die Menschen, die nach 1938 hier eingezogen waren und die in ihren Möbeln gewohnt hatten, als ihre Mutter und ihr Bruder in Izbica ermordet wurden. Auf den Deckel des Albums hatten die neuen Besitzer in schnittiger Schrift „Unsere neue Wohnung“ geschrieben.

          Erst nach Jahrzehnten kam Bewegung in den Fall

          Das Album gehört zu den Exponaten, die die Ausstellung „Recollecting. Raub und Restitution“ in Wien versammelt. Es sind Gemälde, aber auch Alltagsobjekte zu sehen, die nach 1938 geraubt und erst spät zurückerstattet wurden: Geschirr, Bücher, auch ein Auto, der alte Fiat des Delikatessenhändlers Moritz Glückselig, der nach dem Anschluss von Österreich 1938 verhaftet wurde und bis März 1939 in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald interniert war.

          Die Rolle Österreichs bei der Rückgabe all dieser geraubten Dinge ist ebenso wenig rühmlich wie die der deutschen Museen und Institutionen nach 1945. Als Anfang der fünfziger Jahre die Münchener „Collecting Points“ der Amerikaner, die sich um die Rückgabe von Raubgütern gekümmert hatten, aufgelöst wurden, bekam Österreich einen Restbestand von rund eintausend unidentifiziert gebliebenen Gegenständen überreicht – mit dem Auftrag, für deren Restitution zu sorgen.

          Der Bitte kam man so gut wie gar nicht nach: Die Dinge landeten in einem vom Bundesdenkmalamt verwalteten Depot in der ehemaligen Kartause Mauerbach bei Wien; erst auf Druck von Simon Wiesenthal veröffentlichte das Bundesministerium für Finanzen 1969 eine über 8000 Einzelobjekte umfassende Liste „herrenloser“ Kunst- und Kulturgüter. Von über 1200 beanspruchten Objekten restituierte Österreich aber bloß 72 Stück.

          Erst als die Kunstzeitschrift ART News 1984 einen großen Artikel über diese „Legacy of Shame“ veröffentlichte, gab es einen Skandal, und es kam etwas Bewegung in den Fall. Im Herbst 1995 fiel der Entschluss, die Sammlung Mauerbach den Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs zu übertragen. Sie wurden gesetzlich verpflichtet, die Objekte zu verkaufen und mit dem Erlös österreichische Holocaust-Überlebende zu unterstützen.

          Mit dem neuen Gesetz im Nacken öffneten die Museen ihre Archive

          Die vom Auktionshaus Christie's durchgeführte Mauerbach-Benefizauktion erzielte rund 11,3 Millionen Euro. Damit glaubte man, das Thema vom Tisch zu haben – es kam aber anders. 1998 beschlagnahmte die New Yorker Staatsanwaltschaft zwei Egon-Schiele-Gemälde des Leopold Museums, die gerade im Museum of Modern Art ausgestellt wurden; im November desselben Jahres verabschiedete der Österreichische Nationalrat das Bundesgesetz über die Rückgabe von Kunstgegenständen aus den Bundesmuseen und öffentlichen Sammlungen. Erst jetzt, mit dem neuen Gesetz im Nacken, öffneten die Museen ihre Archive – und es kam heraus, dass die Eigentümer vieler Mauerbach-Objekte den österreichischen Behörden durchaus bekannt waren.

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