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Ausstellung über Steve Bannon : Leere gelbe Bögen für die Propaganda

  • -Aktualisiert am

Mechanismen zeitgenössischer Propagandakunst: Die Ausstellung offenbart Steve Bannons Agitprop-Muster. Bild: Jonas Staal

Keine Fake News: Eine Ausstellung von Jonas Staal legt die Agitprop-Muster von Steve Bannon offen. Dessen Praktiken verraten viel über Donald Trumps Umgang mit der Öffentlichkeit.

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          Schon der Titel dieser Ausstellung und ihre Ankündigung lassen aufhorchen: „Steve Bannon: A Propaganda Retrospective“. Anhand des „künstlerischen Werks Bannons“ sollen exemplarisch die „Mechanismen zeitgenössischer Propagandakunst“ analysiert werden. Ein „künstlerisches Werk“ des Demagogen hinter Donald Trump? Klingt abwegig bis abstrus.

          Tatsächlich aber gibt es ein solches Werk, das es verdient, systematisch durchleuchtet zu werden. Bannon hat bis dato neun Filme hinterlassen, die in einigen Fällen im amerikanischen Kino liefen, zumeist aber als Video verbreitet wurden und zum Teil oder in Ausschnitten auf YouTube zu sehen sind. Ihr Urheber hat sich als Investment-Banker, Unternehmer, Politikberater und Publizist hervorgetan, weniger hingegen als Künstler – doch seine Filme sind, wie die Ausstellung von Jonas Staal ausführlich dokumentiert, einem ästhetischen Programm verpflichtet. Und das Unbehagen daran sickert einem, je länger man sich in der von Marina Otero Verzier kuratierten Ausstellung aufhält, umso tiefer ein.

          Bannon wollte „den Film bewaffnen“

          Man lernt, mit welchen Stereotypen und Klischees die offene Gesellschaft in Amerika von ihren Widersachern immer unverblümter und selbstverständlicher attackiert wird. Die Maxime seines filmischen Schaffens hat Bannon sogar auf einen eigenen Begriff gebracht: „Kinetic Cinema“ nennt er sein „bewegendes Kino“, mit dem er das Publikum überwältigen will, wozu er sich von Sergei Eisenstein, Leni Riefenstahl und Michael Moore habe inspirieren lassen; Bannon bezeichnet sich als „Student dieser alten Meister“, von denen man eine Menge lernen könne. Er habe versucht, „den Film zu bewaffnen.“ So setzt er den Zuschauer unter Dauerfeuer von mahnendem Kommentar, apokalyptischem Bild und unheilschwangerer Tonspur.

          Die Kunst der Retusche: links das Originalfoto mit Trump, einer Rangerin des Gettysburg Military Park und Bannon noch als Berater, rechts die bereinigte Version
          Die Kunst der Retusche: links das Originalfoto mit Trump, einer Rangerin des Gettysburg Military Park und Bannon noch als Berater, rechts die bereinigte Version : Bild: AP

          Der 1981 in Zwolle geborene Jonas Staal wiederum ist zuletzt als Aktivist mit Alternativparlamenten für autonome Gruppen in aller Welt in Erscheinung getreten wie anfangs im Jahr 2012 bei der von Artur Zmijewski kuratierten Berlin-Biennale. Mit makabren „Memorials“ für den niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders im öffentlichen Raum hatte er sich einige Jahre zuvor eine Anklage eingehandelt, von der er in zwei Instanzen freigesprochen wurde. In diesem Jahr hat Staal an der Universität Leiden eine Dissertation über Kunst und Propaganda in der Moderne vorgelegt. In der Rotterdamer Ausstellung seziert er Bannons Bildrhetorik in Filmen mit sprechenden Titeln wie „Battle for America“, „Im Angesicht des Bösen: Reagan’s Krieg in Wort und Tat“, „Generation Zero“, „Fackelträger“. In all diesen Arbeiten greift Bannon, durchaus effektvoll, auf found footage zurück und setzt bestimmte Motive als ikonographische Stereotype ein, um einen deterministischen Gang der Geschichte zu suggerieren – die wiederholt sich in Zyklen von Wachstum, Reife, Dekadenz und Niedergang.

          Damit bezieht sich Bannon auf eine Geschichtsschreibung, wie sie William Strauss und Neil Howe in ihrem Bestseller „The Fourth Turning“ von 1997 entworfen haben. In Bildern von Sturm und Orkan kündigt sich der blutige clash of civilizations an, den Bannon herbeisehnt. Raubtiere symbolisieren sozialen Habitus: Dinosaurier stehen für das Establishment, Haie für die „Party of Davos“ und eine verhasste Wirtschaftselite, der Bär wiederum verkörpert „Mama Grizzly“, wie sich die Tea-Party-Protagonistin Sarah Palin nennt. Einstürzende Häuser sowie spektakuläre Autounfälle und Flugzeugabstürze tauchen auf, wann immer eine moralische oder ökonomische Krise ihren Höhepunkt erreicht. Banknoten gehen im Zeichen von Staatsverschuldung in Flammen auf. Schließlich das „Biest“, eine Lieblingsmetapher Bannons: Gemeint sind damit alle inneren und äußeren Feinde der Vereinigten Staaten, vom Liberalismus bis zum Islamismus: Dafür stehen Hippies in Woodstock bis zu politischen Gewalttätern von Hitler bis Usama Bin Laden.

          Einstürzende Häuser und spektakuläre Autounfälle

          Der Holocaust ist Bannons Nonfiction-Agitprop zufolge ein Resultat von Atheismus (die Schuld gehe auf Nietzsche zurück); die Französische Revolution führte geradewegs in den Terror, weil sie sich auf die Menschenrechte stützte anstatt auf einen stabilen Glauben; Amerika war groß, wenn es dem Christentum und dem Schöpfer huldigt. Staal schneidet die sensationalistischen Sequenzen aus den Filmen heraus und montiert sie in thematischen Gruppen, wobei es ein Leichtes gewesen wäre, mit diesem Bildmaterial ein reißerisches Panorama mit wandgroßen Projektionen zu entwerfen. Doch laufen die Filmfundstücke auf kleinen Bildschirmen und bestätigen den betont nüchternen Gestus, mit dem die Ausstellung insgesamt auftritt und überzeugt.

          Mit wenigen trockenen Setzungen als eigenen Werkzutaten kommentiert Staal das Schaffen Bannons. Auf einer Europalette stapelt er – zur kostenlosen Mitnahme – Saul Alinskys „Regeln für Radikale“, ein Handbuch von 1971 mit Anleitungen für organisierten, nachhaltigen sozialen Protest, über das die Studentin Hillary Clinton ihre Abschlussarbeit geschrieben hatte. In einem digitalen Stelenwald erklärt Staal die unsäglichen Meme, mit denen die Tea Party und die Alt-Right-Bewegung ihren „weißen Suprematismus“ zum Ausdruck bringen und den verhassten Barack Obama verunglimpfen. Schließlich steht da ein Tisch mit Dutzenden gelben Ordnern und Hunderten Bögen Papier neben einem Stehpult für den „President Elect“ – als wäre es ein Setting für eine Fotografie von Thomas Demand. Als Trump am 12. Januar 2017 vor der Presse erklärte, er werde seine Geschäfte an die Söhne abgeben, zeigte er mit großer Geste auf einen solchen Stapel gelber Aktenordner. Wie der britische „Independent“ herausfand, war sämtliches Papier unbeschrieben, reine Attrappe. Trump hatte die Öffentlichkeit dummdreist getäuscht.

          Selten genug, dass sich die rechtspopulistische Website „Breitbart News“ der bildenden Kunst widmet, die Ausstellung in Rotterdam kommt hier vor. Ausführlich zitiert der Reporter (der sie offenkundig nicht besucht hat) Jonas Staal: Bannon habe die Gegenwart „als Ko-Autor mitverfasst“, seine Ideen seien in die Realität übergegangen. Ebendas zähle bei Propaganda – es reiche nicht, nur Botschaften auszusenden. Dass er Bannons Fähigkeiten, selbst wenn er seine Weltsicht nicht teile, ganz „eindeutig bewundere“, wie ihm der Autor andichtet, würde der niederländische Künstler sicherlich von sich weisen. Kühl widersteht er der Versuchung zur Polemik, sachlich durchdringt er die Demagogie von rechts. Gefragt sei in Kunst und Politik heute, so Staal, eine auf Fakten beruhende „überzeugende alternative Erzählung“. Auch dies lehrt seine Ausstellung: Wenn erfolgreicher Populismus von links genauso holzschnittartig und klischeehaft argumentieren muss wie der hier dekonstruierte von rechts, ist er kaum wünschenswert.

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