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Holocaust-Schau in New York : Die Frage, ob man Auschwitz nachbauen darf

  • -Aktualisiert am

Ein Kinderschuh mit Socke, 1945 in Auschwitz gefunden Bild: Auschwitz-Birkenau State Museum

Nicht lange her und nicht weit weg: Eine Ausstellung im New Yorker Museum of Jewish Heritage über das Vernichtungslager geht in der Visualisierung des Holocaust weit. Zu weit?

          4 Min.

          An der Südspitze von Manhattan, dort, wo Menschen nach der Arbeit in der Sonne liegen, joggen oder ein Bier trinken, steht seit einigen Wochen ein Güterwagen der Deutschen Reichsbahn. Er steht auf alten Schienen, sein hölzernes Trittbrett ist zerbrochen, auf der Seite steht die Gewichtsbegrenzung, 10.190 Kilogramm. Der Waggon gehört zur Ausstellung „Auschwitz. Not long ago. Not far away“ im New Yorker Museum of Jewish Heritage. Er ist einer von 120.000 Güterwaggons, die zwischen 1910 und 1927 gebaut wurden. Die Räder sind jünger, „Lauchhammerwerk Gröditz 1940“ ist in den Stahl eingraviert. Das Werk gehörte den „Mitteldeutschen Stahlwerken“ von Friedrich Flick, heute heißt der sächsische Betrieb „Schmiedewerke Gröditz“. Auch hier mussten Zwangsarbeiter und Gefangene aus dem Konzentrationslager Flossenbürg für die deutsche Kriegsproduktion arbeiten.

          Anhand von siebenhundert originalen Ausstellungsstücken erzählt die Ausstellung die Geschichte des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau in Polen. Es ist die erste Wanderausstellung dieser Art, die in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Auschwitz, dem Holocaust-Forscher Robert Jan van Pelt von der kanadischen Universität Waterloo und mit Leihgaben von Museen und privaten Sammlungen auf der ganzen Welt erarbeitet wurde. Erstmals wurde die Ausstellung 2017 in Madrid gezeigt und von mehr als einer halben Million Besucher aufgesucht.

          Erinnerungsstücke geflohener Europäer

          In New York wird die Geschichte des Lagers über drei Stockwerke verteilt erzählt, angefangen vom Ort Oświęcim und seiner jüdischen Gemeinde. Zugleich will die Schau über den Holocaust aufklären, chronologisch behandelt sie die Ausgrenzung der Juden, den Beschluss zu ihrer Ermordung, das Profitieren der deutschen Gesellschaft vom Massenmord. Der Teil einer Baracke aus dem Lager Auschwitz-Monowitz, in dem Verschleppte für IG Farben arbeiten mussten, ist aufgebaut. Die steinernen Pfähle mit Stacheldraht stammen aus Auschwitz, ebenso das dreistöckige Holzbett. Es sind Schuhe, Knöpfe, Koffer, Brillen, Kinderhemdchen zu sehen. Wo dies möglich ist, wird die Geschichte ihrer Besitzer erzählt, wie die von Zdenka Fantlová-Erlich aus Pilsen und ihrem Verlobten Arnost Levit. Den ausgestellten Ring, den er für sie im Getto in Theresienstadt herstellte, konnte Fantlová-Erlich in Auschwitz, auf dem „Todesmarsch“ und im Konzentrationslager Bergen-Belsen vor den Wachleuten verstecken. Sie überlebte, ihre Familie und Levit wurden ermordet. Das New Yorker Museum steuerte auch selbst Ausstellungsstücke bei, wie die Trompete des Musikers Louis Bannet, der Auschwitz überlebte, und eine Torarolle aus der zerstörten Synagoge am Hamburger Bornplatz. Viele nach Amerika geflohene Europäer hinterlassen ihre Erinnerungsstücke hiesigen Museen. In New York leben Schätzungen zufolge noch bis zu 75.000 Holocaustüberlebende und NS-Verfolgte.

          Dass viele Ausstellungsstücke aus der Gedenkstätte Auschwitz stammen, wirft die Frage nach der angemessenen Repräsentation des Massenmords auf: Was vermitteln Fundstücke, die in Auschwitz mit dem Grund verbunden sind, auf dem mindestens 1,1 Millionen Menschen ermordet wurden, wenn sie in New York in einer Vitrine liegen? Es gibt keine allgemein gültigen Regeln des „richtigen“ Gedenkens und Aufklärens. Wo Menschen über den Holocaust nachdenken, war eine Methode richtig für sie. Es gibt aber etablierte Prinzipien der musealen Darstellung, etwa das der Individualisierung, das die Anonymisierung von Opfern, aber auch von Tätern, verhindern soll. Die Ausstellung setzt das um, indem sie viele Menschen zu Wort kommen lässt, in Zitaten an den Wänden und in Videos, die man sich auch auf einem mobilen Multimedia-Guide anschauen kann.

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