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Nikos Kotzias über Europa : Es fehlen Visionen und echte Werte

  • -Aktualisiert am

Die Sterne auf der EU-Flagge stehen für Einheit, Solidarität und Harmonie zwischen den Europäern. Gehen diese Werte in Europa verloren? Bild: AP

Die Sparpolitik gefährdet eine ganze Gesellschaft: Seit 2010 haben sich siebentausend Griechen umgebracht, zweihunderttausend ihr Land verlassen. Nikos Kotzias über sein Bild der Griechen und der Europäer.

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          Friedrich Dürrenmatts Roman „Der Richter und sein Henker“ hat uns die wunderbare Figur des Kommissars Bärlach geschenkt, eines klugen, lebensfrohen Mannes, der Wein und gutes Essen liebt, aber krank ist, er leidet an Magenkrebs. Nach einem trotzdem verspeisten üppigen Mahl liegt er stöhnend auf seinem Sofa und stellt die philosophische Frage: Was ist der Mensch?

          Ich komme soeben von einem Treffen mit Botschaftern aus Fernost, aus China und Indien, zurück, und wir haben darüber diskutiert, warum wir Griechen und ihre Völker so viel gemeinsam haben in unserer mehrere Jahrtausende alten Kultur. Weil wir uns die grundlegende Frage, was der Mensch ist, schon vor dreitausend Jahren gestellt haben. Was treibt ihn an? Um die Frage auf die gegenwärtige Situation meines Landes zu beziehen: Wir haben den Menschen in den vergangenen Jahren offenbar mathematisiert, ihn als Sklaven von Zahlen definiert. Seit den sechziger Jahren gilt das politische Credo „Wenn es den Zahlen gutgeht, geht es den Menschen gut“. Wir sind auf Zahlen bedacht und vernachlässigen dabei die reale Welt. Das Wichtigste für uns muss sein, dass dem Menschen nicht das Rückgrat gebrochen wird, dass er seinen Stolz, seinen Optimismus, seine Hoffnung behalten darf.

          Wie drückt sich das im griechischen Alltag aus?

          Wenn sich die wichtigsten drei Tagesnachrichten für unsere junge Generation auf die Begriffe „Punishment“, „Memorandum“ und „Sanktionen“ beschränken, haben wir ein schweres gesellschaftliches Problem. Wenn wir sagen: „Es ist verboten zu träumen“, dann untergraben wir unsere moralische Konstitution. Man erwartet, dass wir unserer Jugend sagen, bisher wäre nichts gut gemacht worden, unsere griechische Lebensweise lohnte sich nicht. Ich entgegne darauf: Früher einmal haben uns die Deutschen bewundert, diese große Nation mit ihrer großen Kultur. Sie waren es, die uns anhand der griechischen Philosophie erst wieder bedeutend gemacht haben. Das war ein Liebesakt in der Geschichte. Wir sind in der Tat lustig, optimistisch, lebensfroh. Diese Lebenseinstellung soll nun also „unproduktiv“ sein? Erzieht denn der Finanzmarkt gute Menschen?

          Was erfahren junge Menschen von Europa, von ihren Nachbarn?

          Ich habe den Eindruck, dass sie mit Stereotypen gefüttert werden, es fehlen Visionen und echte Werte. Ich sage nicht, dass bestimmte Entscheidungen, Sanktionen und Memoranden nicht zu den „politischen Instrumenten“ gehören dürfen. Aber man darf den Umgang mit Menschen nicht auf diese Instrumente reduzieren. Wir Griechen haben keinen Krieg verloren, und wir haben keine Menschen industriell vernichtet. Wir haben aber Korruption und schlechte Institutionen. Wir müssen das eine, die Korruption, abstellen und das andere, die Institutionen, besser machen.

          Der griechische Außenminister Nikos Kotzias: „Früher einmal haben uns die Deutschen bewundert.“
          Der griechische Außenminister Nikos Kotzias: „Früher einmal haben uns die Deutschen bewundert.“ : Bild: wassilis Aswestopoulos

          Die Hilfsorganisation Médecins du Monde unterhält in Athen eine Anlaufstation für kranke Menschen, die wegen Arbeitslosigkeit keinen Versicherungsschutz mehr haben und weder Arzt noch Medikamente bezahlen können. Im Warteraum dieser Station hängt ein Plakat, auf dem die Frage gestellt wird: „Warum gibt es Menschen?“

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