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Ausbeutung 2.0 : Die coole Schinderei der Zukunft

Eine wahre Goldgrube

Wer den Roman „The Circle“ von Dave Eggers schon kennt, wird die eben gegebene Schilderung für eine Paraphrase der Handlung dieses Buches halten. Im August wird es auf Deutsch erscheinen, letztes Jahr erschien es in Amerika und hat dort damit Aufsehen erregt, dass Eggers darin eine Erzählform für die Arbeitstatsachen der digitalen Avantgarde gefunden hat, die hinter der erfahrungsgesättigten Transparenz klassischer Industriegesellschaftsliteratur nicht zurücksteht – etwa „Hard Times“ von Charles Dickens oder einigen Dramen des Naturalismus.

Aber die junge Heldin, von der hier die Rede war, ist gar keine Eggers-Figur. Ihr Fall hat sich tatsächlich ereignet, nach dem Erscheinen von „The Circle“. Netzgläubige wie -skeptiker beschäftigt das Geschehen seit Mitte März 2014. Damals stieg eine begabte und erfolgreiche Zukunftsentwicklerin namens Julie Ann Horvath beim Software-Bastelzentrum GitHub aus und löste, weil das sehr öffentlich geschah, bei chronisch Dauerinformierten Reaktionen aus, für die sich früher Boybands auflösen oder beliebte Fernsehmoderatoren als abstoßende Lüstlinge entpuppen mussten.

GitHub ist vor allem eine netzbasierte Archiv- und Bearbeitungsplattform für Computerprogramme – für „Code“, wie die Zunft der Digerati sagt –, und zwar die inzwischen größte ihrer Art auf der Welt. Google, Apple, Facebook und Amazon kennt inzwischen jede Feldmaus. Die Venturekapitalisten Andreessen Horowitz und andere Profitprofis haben GitHub 2012 aber nicht deshalb einen dreistelligen Millionenbetrag vermehrungswilliger Dollars zugeschossen, weil der Laden im Vergleich mit jenen Riesen noch ein Geheimtipp ist. Sie sehen vielmehr das Potential eines Kontroll- und Verwaltungsapparats für Code, für seine Versionen und Varianten: Programme sind ja Texte, und ihre verschiedenen Fassungen zu verwalten, teils gratis, teils gegen Entgelt, ist eine Goldgrube. Das System dahinter heißt Git, entwickelt hat es ein Kollektiv um den Übervater der Open-Source-Bewegung, Linus Torvalds.

Wenn man zu sehr strampelt, zieht sich die Schlinge zu

Wie im Hightech-Bereich in den letzten vierzig Jahren immer wieder Sachen erfunden wurden, an die sich im Erfolgsfall dann Verwertungsketten, Verteilungskämpfe, Versuche privater Aneignung hefteten, so hat man auch für Git jetzt einen als Geldquelle funktionalisierbaren „Hub“ eingerichtet. Auf den Weg gebracht haben GitHub ein paar Schlaufüchse um Tom Preston-Werner, Chris Wanstrath und den oben bereits als Begegnungsschwärmer zitierten Scott Chacon, die Startphase lag in den Jahren 2007 und 2008. Der Firmensitz ist in San Francisco, jener Stadt, in der auch Dave Eggers lebt. Im Hauptquartier von GitHub gibt es unter anderem einen Nachbau des Oval Office, in dem der Präsident der Vereinigten Staaten residiert; man besitzt eine eigene „Flüsterkneipe“, und als Konferenzräume dienen ausgemusterte Schiffscontainer. Ein Konzeptkunst-Wortspiel: „We ship code“, wir verschiffen Programme.

Solche Abiturzeitungswitze würzen einen Berufsalltag, der sich zwischen ständigem Kindergeburtstag, aufdringlicher Kundenfraternisierung – Ist alles toll? Habt ihr Fragen? Wie geht’s? – und Erweckungsgottesdienst nicht entscheiden kann. Der Rausch, den so etwas freisetzt, kann antiquiertes Zeug wie den gesunden Menschenverstand oder die Selbstachtung durchaus dauerhaft betäuben. Bei Julie Ann Horvath meldeten sich die beiden allerdings, als ihr klar wurde, dass die formelle Aufhebung aller klassischen Weisungsordnungen im Betrieb dessen Hierarchien nur verschmiert, nicht löscht. Denn qua Unterschriftenbefugnis, „seniority“ (wer ist wie lange da?) und Zugang zu allerlei strategischen Interna gibt es Hierarchien dann doch – aber, weil sie geleugnet werden, leider keinerlei Rechtssicherheit im Umgang mit ihnen.

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