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Sprache von Pegida und AfD : Das Wörterbuch der Neuesten Rechten

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In Deutschland benutzten es im 19.Jahrhundert konservative Katholiken, die sich über den siegreichen preußischen Protestantismus beschwerten, ebenso wie linke Arbeiterführer, die in der liberal-bürgerlich-protestantischen Presse ihre Interessen nicht repräsentiert fanden. Das Wort lässt sich in den Anti-Springer-Kampagnen der 68er genauso nachweisen wie bei den Nazis und ihren Attacken gegen die vermeintlich jüdische Weltpresse. Jeder wird ein Beispiel dafür kennen, dass in irgendeinem Artikel zu irgendeinem Thema irgendetwas verschwiegen oder verbogen worden ist. Als Kampfbegriff ermöglicht „Lügenpresse“ daher zurzeit alle möglichen Querfronten, vom reichen Erbengeschmacksbürger bis zur „Jungen Freiheit“, von nationalbolschewistischen Zeitungen wie der „Jungen Welt“, die unter dem Slogan „Sie lügen wie gedruckt – wir drucken, wie sie lügen“ erscheint, bis zu Udo Ulfkotte und AfD-Anhängern. cord

Rasse

Dass der brandschatzende Mob in Sachsen, weil er seinen Gegner gar nicht kenne, nur aus „Rassismus-Darstellern“ bestehe, das bemängelt im „Tumult“ dessen Herausgeber Frank Böckelmann – und im selben Heft erläutert Siegfried Gerlich, Pianist und Publizist, wie ein ernster zu nehmender Rassismus argumentiert: Damals, als die Europäer auf die Ureinwohner Afrikas oder Australiens trafen, sei das ein Schock und ein Trauma gewesen – für die Europäer. Zu schmerzhaft die Erkenntnis, dass auch diese Wesen, die doch ohne Geist und Kultur, Vernunft und tiefere Empfindung waren, zur menschlichen Spezies gerechnet werden müssen.

Ihre pure Existenz war ein Anschlag auf alles, was Europäer als Menschlichkeit verstanden. Was die weiße Rasse danach anrichtete, Unterjochung, Völkermord und die Behauptung der eigenen Überlegenheit, das müsse man als die Folge und die Verarbeitung dieses Traumas betrachten. Allerdings leitet sich aus solchen Thesen kein Herrschaftsanspruch mehr ab, nur noch die Forderung, überleben zu dürfen und in Ruhe gelassen zu werden. Die Öffnung der Grenzen führe sonst zum „Ethnosuizid“, zum Selbstmord jenes Subjekts, von dem der Rassismus aber selbst nicht genau weiß, ob es die weiße, die sogenannte arische Rasse oder nur das autochthon deutsche Volk sei. cls

Realität

Kampfbegriff gegen „die Naivität, Dummheit und Weltfremdheit von naiven, dummen und weltfremden Menschen, die Wünschbares und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten können“ („Junge Freiheit“), mithin gegen linke und im weiteren Sinn universalistische Vorstellungen, die gemäß einer im rechten Milieu verbreiteten Anschauung den Blick auf das Offensichtliche verstellen. Die „Spannung zwischen Realität und Ideologie“ ist aus dieser Sicht durch die „realitätsfremde Willkommenskultur“ so groß wie nie zuvor: Der „Amoklauf gegen die Realität wird immer offensichtlicher“, heißt es in dem rechten Theorieorgan „Sezession“. Die AfD definiert sich im Leitantrag für ihr Grundsatzprogramm daher als „Partei des gesunden Menschenverstands“, die für eine „realistische Politik“ eintritt.

Der Begriff ist Fluchtpunkt einschlägiger Wendungen wie „Das muss doch mal gesagt werden dürfen“, die auf die Unterstellung eines linksliberalen „Konsensdrucks, erzeugt von global vernetzten Wirklichkeitspächtern“ (so die Zeitschrift „Tumult“) zurückgehen. „Realität“ bezieht sich daher sowohl auf eine vermeintlich unterdrückte politische Evidenz als auch auf eine Wahrheit hinter den Manipulationen der Gegenseite, die durch verschwörungstheoretische Recherchen aufgedeckt werden muss. Inhaltlich wendet „Realität“ rassistische, naturalistische und kulturalistische Ideologeme älterer Art auf die aktuelle Politik an. Si.

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