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Sprache von Pegida und AfD : Das Wörterbuch der Neuesten Rechten

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Geschichte

Oder auch „Nazi-Paranoia“ (so Tatjana Festerling von Pegida, 9. November 2015, Dresden: „Lasst uns mit eurem Schuldkult für die Vergangenheit, für die keiner von uns hier die Verantwortung trägt, endlich in Ruhe!“). Wenn die neuesten Rechten von „Geschichte“ sprechen, sprechen sie vom Nationalsozialismus, damit endlich nicht mehr nur über den Nationalsozialismus gesprochen wird. „Die aktuelle Verengung der deutschen Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus“, heißt es im Leitantrag zum neuen AfD-Grundsatzprogramm, „ist zugunsten einer erweiterten Geschichtsbetrachtung aufzubrechen, die auch die positiven, identitätsstiftenden Aspekte deutscher Geschichte mit umfasst.“

Um zu erkennen, dass diese Forderung nach einer erweiterten Geschichtsbetrachtung aus einer verengten Geschichtsbetrachtung der Geschichtsbetrachtung hervorgeht: Dafür könnte man auf die Baustelle des Humboldt-Forums gehen oder „ZDF History“ anschalten, wo immer neue germanische Völker zu „Deutschen“ gemacht werden. Eigentlich reicht es aber, diesen Leitantrag zu lesen: in dem es um „deutsche Geschichte“ nur geht, um zu behaupten, dass sie mehr sei als „die Zeit des Nationalsozialismus“. Eine Beschwörungsformel. Auch identitätsstiftend. tob

Hypermoral

Ein „Revenant“, ein Wiedergänger unter den Begriffen. Die Zeitschrift „Tumult“, die sich „Vierteljahresschrift für Konsensstörung“ nennt, ließ in ihrem vorletzten Heft „Hypermoral“ oder „Hypermoralisierung“ mit hoher Frequenz wiederauferstehen, als hätten die Autoren sich zum Lesekreis formiert, der Werke des Soziologen und Philosophen Arnold Gehlen (1904–1976) studiert. Gehlens kleine Schrift „Moral und Hypermoral“ (1969) erscheint immer noch als geeignetes Instrument, den Universalitätsanspruch nicht nur der Menschenrechte anthropologisch auszuhebeln. Gehlen sah in der „Hypertrophierung der Moral“ eine moderne Verfallserscheinung. Durch die Symbiose von „Humanitarismus“ und dem Ethos des allgemeinen Wohlergehens werde der Mensch überfordert und die entlastende Funktion der Institutionen geschwächt. Gehlen und seine Adepten pflegen den paternalistischen Gestus des weisen Pädagogen, der allein die Grenzen seiner Schüler kennt und sie vor sich selbst beschützt.

Die biologische Färbung des Begriffs „hypertroph“, der in der Medizin die Vergrößerung eines Organs bezeichnet, ist Stilmittel. Gehlen spricht ausdrücklich von einem „moralischen Organ“, das mit „Ereignissen von Weltdimension“ nie fertig werde. Solche Ereignisse liefert die Gegenwart auch jenseits der Flüchtlingskrise reichlich, von der NSA bis zu Russland-Sanktionen. Da nach Gehlen die Hypertrophie bei Intellektuellen (den „Mundwerksburschen“) besonders ausgeprägt ist, sägen die intellektuellen Kritiker der Hypermoral an dem Ast, auf dem sie sitzen. Ob sich die Hypertrophie nun „herunterregulieren“ lässt, so wie „thymotische Energien“ (––>Thymos) sich „hochregulieren“ lassen, ist bislang noch unbekannt. pek

Pegida-Demonstranten in Belgien: Die Männer mögen von falschen Voraussetzungen ausgehen, da der Prophet bislang noch nicht im Westen aufgetaucht ist, aber dafür haben sie eine sehr starke Meinung.
Pegida-Demonstranten in Belgien: Die Männer mögen von falschen Voraussetzungen ausgehen, da der Prophet bislang noch nicht im Westen aufgetaucht ist, aber dafür haben sie eine sehr starke Meinung. : Bild: dpa

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