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Freiheitspreis an Necla Kelek : Aus Muslimen müssen freie Bürger werden

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Die Sozialwissenschaftlerin und Frauenrechtlerin Necla Kelek bei der Preisverleihung der Friedrich-Naumann-Stiftung Bild: ©Helmut Fricke

Es stimmt, der Islam gehört zu Deutschland - aber auf andere Weise, als viele denken. Solange der Islam die Tradition der Aufklärung leugnet, lässt sich zwischen ihm und dem Islamismus schwer unterscheiden: Necla Keleks Dankesrede bei der Entgegennahme des Preises der Friedrich-Naumann-Stiftung.

          Die Liebe“, sagte ein inzwischen vergessener Dichter des Vormärz, „ist das Höchste im Leben, aber höher als das Leben steht die Freiheit.“ Lassen Sie uns also über Freiheit sprechen, denn ich habe den Eindruck, dass wir diesen Begriff von der Beliebigkeit und der populistischen Vereinnahmung befreien müssen. Lassen Sie mich zuerst etwas über die Freiheit der Frauen sagen.

          Ich habe vor fünf Jahren einen Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland, „Die fremde Braut“, veröffentlicht und auf das Schicksal der türkischen „Importbräute“ aufmerksam gemacht und von Frauen und Mädchen berichtet, die aus traditionellen, religiösen Gründen fremdbestimmt verheiratet und ins Land geholt werden und praktisch in Apartheit und Unfreiheit in einer Gegengesellschaft leben müssen.

          Dies hat bis heute eine enorme Resonanz gefunden und neben anderen Ereignissen einen grundlegenden Streit über Integration und den Islam ausgelöst. Dass dies möglich war, verdanken wir vor allem den Medien, unter anderem Alice Schwarzer und ihrer Zeitschrift „Emma“, die sich früher und intensiver als alle anderen dieses von Politik und Wissenschaft verdrängten Themas angenommen hat. Ich habe von Alice, der Abla, der großen Schwester der Frauenbewegung gelernt, jenseits der politischen Moden mit heißem Herzen und kühlem Kopf nie den Kern, die Lage der Frauen und die Rechte der Menschen, aus den Augen zu verlieren. Ich war persönlich und bei meinen publizistischen und wissenschaftlichen Arbeiten nie Opfer, nie Betroffene, sondern immer ganz bei mir und der Sache.

          Verbot der Zwangsheirat als symbolischer Akt der Ächtung

          Ich habe kein besonderes Schicksal, sondern mein Leben verlief wie das vieler anderer. Deshalb taugt es gelegentlich auch als Beispiel. Ganz so wie der große Soziologe Richard Sennett die Wirkungen der Moderne auf den Einzelnen an sich selbst beschrieb. Der medialen Aufmerksamkeit ist es zu verdanken, das jetzt das seit Jahren eingeforderte Gesetz gegen Zwangsheirat Wirklichkeit werden soll. Es ist mehr als ein symbolischer Akt. Es ist die gesellschaftliche Ächtung einer unsäglichen Praxis, von Tausenden von „Einzelfällen“, bei der junge Menschen gegen ihren Willen verheiratet werden. Wir werden dieses Gesetz mit Leben erfüllen und Notruftelefone und qualifizierte Betreuung bereitstellen müssen, um es tatsächlich zu einem Instrument der Befreiung zu machen.

          Die Forderung nach dem Verbot der Zwangsehe, einem Mindestalter von achtzehn Jahren und Sprachkenntnissen von dreihundert Wörtern Deutsch bei der Familienzusammenführung und die Analyse des Zusammenhangs von Patriarchat, Tradition und religiöser Legitimation trafen und treffen bei Türken- und Islamverbänden, bei Migrationsforschern und vielen Politiken auf Widerstand und Ablehnung. Sie nannten mich, damals wie heute, eine Verleumderin des Islam und der Türken, weil ich sage, was in diesen Communities als Tabu gilt, weil ich nicht nur verstehen und helfen, sondern aufklären und ändern will. Aber, allen Kritikern zum Trotz, die Zahl der Importbräute hat sich in den letzten Jahren um zwei Drittel reduziert, weil es unbequem geworden ist, eine Braut nach Deutschland zu holen. So haben Zehntausende junger Frauen und Männer dank einer einfachen gesetzlichen Maßnahme vielleicht eine kleine Chance, über ihr eigenes Leben zu bestimmen.

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