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Antisemitismus : Wie gefährlich es ist, für Israel Flagge zu zeigen

Auch mitten in der Hauptstadt gibt es No-Go-Areas, zumindest, wenn man die „falsche“ Flagge zeigt. Bild: dpa

Zwei „Tagesspiegel“-Reporter geben sich auf der Fanmeile in Berlin als Freunde Israels zu erkennen. Dreimal darf man raten, was passiert. Sie werden beschimpft, bespuckt und müssen flüchten.

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          Die Kostümierung, in der kürzlich ein Korrespondent des „Handelsblatts“ auf eine Brexit-Party schlich, war lächerlich. Papierhütchen auf der blanken Rübe, Union-Jack-Fähnchen in der Hand und sich dann noch beschweren, dass die Kollegen Fotografen Bilder machen und die Zeitungen sie drucken: Erkenntnisgewinn null. Wesentlich sinnstiftender war die Camouflage, mit der die beiden „Tagesspiegel“-Reporter Sebastian Leber und Johannes C. Bockenheimer vor einigen Tagen bei der Fußball-Europameisterschaft unterwegs waren.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sie gingen beim Vorrundenspiel der Deutschen gegen Nordirland auf die Fanmeile am Brandenburger Tor, auf dem Kopf eine gelbe Kappe und um die Schultern geschlungen - die Nationalflagge Israels. Den Reportern war klar, dass das die Probe aufs Exempel wäre, wie es um das angeblich vollkommen unbeschwerte, fröhliche, völkerverbindende Fußballfeiern von Menschen aus aller Herren Ländern bei uns wirklich steht. Es steht nicht gut darum, muss man sagen und durfte es wohl nicht anders erwarten: Die beiden Reporter ernten zwar auch positive Reaktionen auf ihr Erscheinen, die negativen überwiegen jedoch bei weitem. Am Ende wird es sogar bedrohlich.

          „Mach den Schmutz da weg“

          Ein junger Mann aus dem Irak, der mit den Reportern ein Selfie macht, sorgt für die erfreuliche Ausnahme von der Regel virulenten Antisemitismus. Ein kahlrasierter Mittvierziger brüllt die Journalisten an: „Mach den Schmutz da weg.“ Er meint die Fahne Israels. Ein Neunzehnjähriger, der sich als „eher links“ bezeichnet, sagt, so etwas gehöre sich bei einem Spiel der deutschen Nationalmannschaft nicht, und ergeht sich über die „Verbrechen“, welche die Israelis an den Palästinensern begingen. Von einer jungen Frau bekommen die Reporter den klassischen Satz zu hören: „Ich bin kein Nazi, aber . . .“ Und schließlich werden sie von einer Gruppe arabisch sprechender, junger Männer umringt. Deren Anführer beschimpft sie als „Hurensöhne“, sie werden bespuckt, angerempelt, gestoßen. Von den Umstehenden greift niemand ein. Dann ergreifen die „Tagesspiegel“-Autoren die Flucht. Wären sie mit der Flagge irgendeiner anderen Nation aufgelaufen, wäre ihnen das sicherlich nicht passiert.

          151 antisemitische Straftaten aus dem rechten und 24 Straftaten aus dem Bereich „politisch motivierter Ausländerkriminalität“ gegen Juden meldet die Berliner Polizei für das Jahr 2015. 1366 antisemitische Straftaten notierten die Behörden in der Bundesrepublik 2015 insgesamt, darunter 36 Gewaltdelikte. Hinzu kamen 62 „antiisraelische“ Taten. Das teilte die Bundesregierung auf eine Anfrage des Grünen-Bundestagsabgeordneten Volker Beck mit.

          Der Aufmarsch zum „Al-Quds-Tag“, den der frühere iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeni 1979 zur Anti-Israel-Propaganda erfand und der seit Mitte der neunziger Jahre unter Anleitung der Hizbullah auch in Berlin stattfindet, verlief derweil am vergangenen Samstag auf dem Kurfürstendamm wie gewohnt. Mit der Einschränkung, dass Plakate und Sprechchöre, die den Juden und Israel den Tod wünschen, diesmal untersagt waren. Also tönte es, wie der Deutschlandfunk berichtet, aus dem Megafon: „,Tod Israels‘ ist absolut untersagt. ,Tod den Juden‘ ist absolut untersagt. ,Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein‘ ist absolut verboten.“ Das wird man ja wohl noch sagen dürfen, dass das verboten ist, werden sich die Leute am Lautsprecher gedacht haben.

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