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Rechtsextreme im Netz : Wut und Klicks

Wie man es im Netz besser machen kann: Hannes Ley und Kübra Gümüsay auf der re:publica Bild: Jan Michalko/re:publica

Das bringt Menschen zum Klicken. Wie Hass geschürt und verbreitet wird und was sich dagegen tun lässt: Auf der re:publica geht es um Rechtsextreme im Netz.

          Ohne die Erwähnung der Begriffe Überwachung, Big Data und Trolle wäre eine Internetkonferenz im Jahr 2018 wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt. Den vielen Veranstaltungen auf der re:publica, die sich der Sorgen der digitalen Nutzer annehmen, wollten die Veranstalter etwas entgegensetzen und nahmen deshalb einen ganzen Reigen von „Cancel the Apocalypse“-Vorträgen ins Programm. Ihre Botschaft und gleichsam Erinnerung an die euphorischen Anfangszeiten der Netzkultur: Diskussionswürdig sind nicht nur Probleme, sondern auch Chancen der Digitalisierung im Gesundheitswesen oder im Alltag.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dennoch ging es dann wieder viel um den Umgang mit populistischen Inhalten. Bei der Journalistin Ingrid Brodnig wurde der Zugang zum Saal am Mittwochabend wegen Überfüllung geschlossen. Brodnig stellte die in ihrem Buch „Lügen im Netz. Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren“ beschriebene These vor, wonach rechte Rhetorik von den erhitzten Debatten im Internet profitiere. „Wut bringt Menschen zum Klicken“, so Brodnig. Weil Populismus davon lebe, Gefühle zu schüren, fänden radikale Gruppen nach wie vor im Netz Beachtung.

          Während andere noch über den Nutzen des Internets rätselten, hätten technologieaffine Extremisten schon in den Neunzigern das Potential erkannt und Gleichgesinnte um sich geschart. Digitale Medien boten ihnen die Chance, direkt mit Menschen zu kommunizieren, ohne Umwege über die Presse oder die Politik gehen zu müssen. Auch für die Angewohnheit, dieselben Geschichten immer wieder neu zu erzählen, biete das Netz genug Raum. Die Mitglieder der Szene, so Brodnig, erhielten das Gefühl, Teil einer großen Gemeinschaft zu sein: „Die glauben teilweise wirklich, dass sie die schweigende Mehrheit sind.“ Mit dieser imaginierten Mehrheit hat auch die Facebook-Initiative #ichbinhier Erfahrung, die sich für Zivilcourage im Netz einsetzt. Gründer Hannes Ley trommelt auf der re:publica für eine Gegenbewegung. Wenn es darum gehe, mit Fakten gegen Hetze anzugehen, sei jeder gefragt. Brodnig wiederum erklärt, wichtiger als die bloße Richtigstellung von Fehlinformation und Hetze im Netz sei die Suche nach eigenen Themen und Inhalten.

          Resignierter Rückzug

          Im Gespräch mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Marco Bülow beschrieb die Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling die Rolle der Sprache. Ständig ungeheuerliche Aussagen und Forderungen zu wiederholen führe nicht zum Ziel: „Wie unergiebig reaktives Verhalten sein kann, kennt man aus dem Familienstreit.“ Auch sie forderte eine eigene Strategie der Gemäßigten. Die Extremismusforscherin Julia Ebner hat für ihr Buch „Wut“ in rechten Netzwerken recherchiert und beobachtet, dass radikale Themen, die im politischen Diskurs sonst wenig Platz finden, gerade für junge Internetnutzer reizvoll sind, die den technologischen Wandel erlebten und auf der Suche nach Lösungen seien. Von der Identitären Bewegung in Österreich und Deutschland bis zur Alt-Right-Bewegung in Amerika werde spielerisch und mit Spaß am Polarisieren für radikale Positionen geworben. Antisemitische Verschwörungstheorien, Aufrufe zur Gewalt und Gespräche über rechtsextreme Troll-Armeen seien oft erst in den Privatchats Thema.

          „Lösch dich“ heißt die Dokumentation über Trolle, die beim öffentlich-rechtlichen Kanal „funk“ zu sehen ist und die der Youtuber Rayk Anders und der Journalist Patrick Stegemann vorstellten. Mit einem Team von Bloggern und Journalisten recherchierten sie ein Jahr lang, wie rechte Gruppen im Netz auf politische Ereignisse wie die Bundestagswahl einwirkten, und stießen auf die Gruppe „Reconquista Germanica“. Die Online-Aktivistin Kübra Gümüsay, Mitgründerin der Twitter-Kampagne #Ausnahmslos gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus, berichtete von mit Hetze konfrontierten Personen, die sich resigniert aus den Debatten zurückzögen.

          Bei allen Berichten und Recherchen waren wenig konkrete Perspektiven erkennbar. Eine hat Hannes Ley: Er berichtete, dass seine Initiative inzwischen Workshops an Gymnasien organisiere. Ein politisches Thema werde in eine Gruppe eingebracht, dann könnten die Schüler online und anonym miteinander diskutieren. Danach werde über den Verlauf der Debatte gesprochen. Es ist ein Versuch, den Jüngeren die Chance zu geben, es im Netz besser zu machen als die Älteren.

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