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Digitalkonferenz re:publica : Daten regeln den Verkehr

Virtuelle Realität: Ein Besucher der re:publica probiert es aus. Bild: EPA

Auf der Digitalkonferenz re:publica ist die Zukunft der Mobilität ein wichtiges Thema. Während ein Hersteller von Flugtaxis gerne in die Luft ginge, um Verkehrsprobleme zu lösen, plädiert ein Informatiker für etwas ganz anderes.

          Zur Mobilität der Zukunft in Städten sind immer wieder die gleichen Sätze zu hören. Meist geht es um Erfindungen, an die sich große Hoffnungen knüpfen. Dass diese Herangehensweise kaum zum Ziel führt, führte auf der Internetkonferenz re:publica der Medieninformatiker Stefan Kaufmann vor, der sich schon lange mit Verkehrsdaten beschäftigt und bei der Ulmer Stadtverwaltung für Digitalisierung zuständig ist. Drei Denkweisen führten in die Irre: der „Retrofuturismus“, der von Sci-Fi geprägte Menschen mit ähnlichen, nicht unbedingt praktikablen Vorstellungen erfülle. Die Annahme, wenn man erst dies und das habe, etwa Flugtaxis, werde quasi von selbst alles gut. Und schließlich der „Elon-Musk-Effekt“: Erfindungen, die cool aussehen und Aufmerksamkeit erhalten, aber keine echte Entlastung bringen.

          Dafür fehlt es unspektakulären Projekten an Aufmerksamkeit. Ein Radweg etwa bekommt kaum die Publicity wie ein selbstfahrendes Auto. Er wird weder von einem Automobilkonzern unterstützt, noch fotografiert er sich sonderlich gut oder kann als innovativ gelten. Dass Radwege wahrscheinlich jetzt schon sehr viel mehr für die Entlastung der Straßen getan haben als selbstfahrende Autos das jemals tun werden, gerate in Vergessenheit.

          Stefan Kaufmann setzt nicht auf Unternehmen, sondern auf die Städte. Die Verwaltungen sollen ihre Probleme nicht outsourcen und das Beste hoffen, sondern Verkehrs-Daten erheben und miteinander vernetzen. Würden etwa Daten des Verkehrsverbunds und der Mitfahrzentrale zusammengeführt, wäre eine ÖPNV-App denkbar, die für den Weg von der S-Bahn-Station bis ins Neubaugebiet noch eine Mitfahrgelegenheit vermittelt. Der Weg zu einer besseren Mobilität läuft nach Kaufmanns Ansicht nicht über Patentlösungen, sondern über harte Kleinarbeit: „Start-ups werden’s nicht richten.“

          Ein Start-up, das es trotzdem versucht, stellt seine Erfindung nur eine Minute entfernt vor. Die Firma Volocopter aus Bruchsal ist mit ihren Flugtaxis noch in der Testphase. Wer sich in das Mini-Flugzeug setzt, kann sich noch nicht recht vorstellen, dass es theoretisch sofort abheben und einen ganz ohne Pilot durch die Luft befördern könnte. Präsentieren darf die Firma das noch nicht, die Zulassungen für Flugtaxis sind in Arbeit. „Wir planen, 2021 die erste kommerziellen Strecken zu eröffnen“, sagt Helena Treeck von Volocopter. „Dazu sind wir momentan mit mehreren Städten im Gespräch, unter anderem Dubai und Singapur.“

          Wie bereit das subjektive Sicherheitsempfinden der Deutschen für diese Technologie ist, lässt sich kaum sagen. Helena Treeck hat ein paar rationale Argumente: „Hier sind alle flugkritischen Elemente mindestens dreifach verbaut, wir haben beispielsweise neun Batterien. Außerdem haben wir achtzehn Rotoren. Sollte also ein Teil ausfallen, kann man immer noch sicher landen.“ Wer sich Sorgen mache, plötzlich mit einem anderen Flugobjekt zusammenzustoßen, könne ebenfalls getrost einsteigen. „Alles was fliegt, ist vernetzt“, sagt Helena Treeck: „Das gilt für Fahrräder und Fußgänger nicht, da kommt es häufiger zu unvorhersehbaren Ereignissen – insofern ist der Flugverkehr auch in der Stadt viel einfacher zentral zu regeln als alles, was sich auf dem Boden abspielt.“ Dabei sollen die Volocopter nicht nur einer betuchten Klientel zur Verfügung stehen. „Die Kosten sollen etwas höher sein als ein Taxi auf der gleichen Strecke, das auch noch um Einiges länger braucht“, sagt Helena Treeck.

          Rundgang nach der Rede: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf der re:publica.

          Die Stau-Probleme der Städte werden Flugtaxis schwerlich lösen. Sie bieten zurzeit maximal zwei Personen Platz und lösen damit genau das Problem dieser zwei Personen, indem sie sie schneller vom Flughafen in die Stadt befördern oder umgekehrt. Auch die zweite, vieldiskutierte Erfindung, die handlichen E-Roller, haben noch einen weiten Weg vor sich, ehe sie die Situation in den Städten wirklich verbessern können. Die Unternehmen, die sie wie Leihräder an die Straßen stellen wollen, dürften nicht die Fehler wiederholen, die bei den Leihrädern gemacht wurden, sagte Stefan Kaufmann: Die Räder lagen irgendwann an vielen Orten nur noch wie Sperrmüll in der Gegend herum.

          Auch dafür lautet Kaufmanns Lösung: Daten teilen, um ganzheitliche Konzepte zu erstellen. Daten seien „das Grundwasser der Informationsgesellschaft“, deshalb dürften Unternehmen ihre Verkehrsdaten nicht für sich behalten. Die privaten Nutzerdaten betreffe das selbstverständlich nicht. Nur wer seine Daten teile, dürfe mit Mobilität sein Geld verdienen, fordert Kaufmann. Die zahlreichen Städte, die er erwähnte, von denen jede einen Schritt auf diesem Weg zur besseren Koordination der Verkehrsplanung schon gegangen ist, geben immerhin Anlass zur Hoffnung.

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