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Differenzen zweier Länder : Auf den Scherben der russisch-deutschen Beziehung

Zwiegespräch: Angela Merkel und Vladimir Putin beim G-20-Treffen Mitte November in Antalya Bild: dpa

Das eine Land wirft dem anderen Vertrauensbruch und Missachtung vor, das andere dem einen fortwährende Unzivilisiertheit: Russland und Deutschland erinnern an ein Paar nach traumatischer Trennung.

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          Russland und Deutschland bewegen sich heute in diametral entgegengesetzten Marschrichtungen. Dort ein geradezu hysterisches Ringen um die eigene staatliche Souveränität, auch um den Preis schwerer Selbstbeschädigung, hier eine historische Selbstpreisgabe, die angesichts der Flüchtlingsströme offenbar als gutes Beispiel für andere dienen soll. Die beiden Länder erinnern an ein Paar nach traumatischer Trennung. Die Berliner Republik, Lokomotive für eine ganze Staatenfamilie, macht ihrem Exfreund Vorwürfe, weil der sich nicht zivilisiert habe und bekräftigt das durch eine Verlängerung der Wirtschaftssanktionen um ein weiteres halbes Jahr. Der Gegentadel aus Moskau lautet, die Europäer hätten systematisch russische Sicherheitsinteressen missachtet und entsprechende Abkommen gebrochen, weil der Partner aus Übersee das so wollte. Obendrein gäben sie ihre christlichen Traditionen und Werte auf.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dieser Tadel hat etwas für sich. Die Nato hat im Zuge ihrer schrittweisen Ost-Erweiterung das zunächst vereinbarte Ziel einer Sicherheitsgemeinschaft mit Russland – mit Truppenbegrenzungsverträgen und Konsultationen – ersetzt durch eine Sicherheitsgemeinschaft gegen Moskau, vor allem wegen der verständlichen Besorgnis der Osteuropäer. So rückte die Nato ohne Truppenbegrenzungsabkommen bis vor die Tore Petersburgs, die Amerikaner stationierten Kampftruppen in Bulgarien und Rumänien und konterten russische Klagen immer nur mit Hinweisen auf russische Menschenrechtsverletzungen.

          Apostel Putin

          Auch die hiesige teils christlich inspirierte Willkommenskultur in der Flüchtlingskrise imponiert den meisten Russen, angesichts eigener Nato-Nöte, nur bedingt. In Russland, das an seinen Sicherheitslasten immer schwerer trägt, denkt man vor allem an den amerikanischen Irak-Feldzug von 2003, der die jetzige Katastrophe mit herbeiführte und an dem sich auch Polen, Georgien und die Ukraine mit je zweitausend Mann beteiligten, ohne dass diese Länder sich jetzt für die Flüchtlinge übertrieben verantwortlich fühlen würden. Und wenn Bundeskanzlerin Merkel die Sicherung von Europas Grenzen dem Islamisten Erdogan anvertraut und darauf verzichtet, ihrem amerikanischen Seniorpartner nahezulegen, substantielle Flüchtlingskontingente aufzunehmen – nach dem Verursacherprinzip –, wirkt sie wie eine unemanzipierte Ehefrau, die sich als zuständig für die Scherben des von ihrem Mann zerschlagenen Porzellans betrachtet und ihren Wohnungsschlüssel einem wenig vertrauenswürdigen Nachbarn aushändigt.

          Russlands immer radikalerer Isolationskurs, der Kult der eigenen Geschichte, des Präsidenten und des orthodoxen Christentums sind der Versuch, wenigstens den Schlüssel zur eigenen renovierungsbedürftigen Wohnung mit einem Supersicherheitsprogramm auszustatten. Was man ironischerweise gerade in den Vereinigten Staaten, wo man nie auch nur ein Gramm Souveränität aufgeben würde, bestens versteht. Die Spitze der russischen Absurditäten war bisher ein an Putin gerichteter Gebetstext, den orthodoxe Aktivisten, die parallel für die Kanonisierung des Präsidenten eintreten, dem Patriarchen Kyrill vorlegten. Darin wird Putin als „Apostel der Stadt Peters“ angerufen, der Orthodoxe in Syrien und in der Ukraine schütze.

          Ein frommer Christ

          Kürzlich kamen Moskauer Kulturschaffende am runden Tisch überein, der Kunstbetrieb müsse sich an Grenzen halten und Skandale vermeiden. Soeben bezeichnete der im Patriarchat für die Öffentlichkeitsbeziehungen zuständige Oberpriester Wsewolod Tschaplin das Hausbuch aus der Zeit Iwans des Schrecklichen, „Domostroi“, das Prügelstrafen für die Ehefrau empfiehlt, als vorbildlich für eine christliche Familie. Als dann der stellvertretende Leiter des Patriarchatsverlags, Sergej Tschapnin, vor einem gewaltversessenen, unevangelischen „hybriden“ Christentum warnte, wurde er entlassen.

          Da scheint es fast nebensächlich, dass der Generalstaatsanwalt Juri Tschaika, den der Korruptionsjäger Alexej Nawalnyj als Pate mafioser Familiengeschäfte entlarvt hat, sein Amt weiter bekleidet. Putin konnte Tschaika einfach nicht als Reaktion auf die Dokumentation des Kremlkritikers Nawalnyj feuern. Der Generalstaatsanwalt schmäht Nawalnyjs Filmdokumentation als Werk amerikanischer Geheimdienste. Er ist ein frommer Christ. Im griechischen Luxushotel seines Sohnes hatte er einen Blick auf den Klosterberg Athos, wo russische Politiker sich geistig stärken. Daheim bleibt ihnen als Stütze die einzigartig russische Ikone des guten Schächers Rach, der nach seiner Bekehrung am Kreuz neben Jesus gleich ins Paradies kam. Wie man im Westen weiß, dass der erste Papst den Heiland dreimal verleugnet hat, so ist einem in Russland klar, dass der erste Heilige ein Räuber und Mörder war.

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