https://www.faz.net/-gqz-7bbgz

Auf dem Weg zur totalen Überwachung : Wir müssen jetzt handeln

  • -Aktualisiert am

Die Zukunft des Internets, wie der amerikanische Telekommunikationsgigant Cisco sie sieht: Jeder Gegenstand bis zum Herzschrittmacher wird hier vernetzt sein und steht als Datenlieferant zur Verfügung. Es soll so viele IP-Adressen geben, dass jedem Atom auf der Erdoberfläche hundert davon zur Verfügung stehen. Bild: Grafikdatei: blogs.cisco.com; Überarbeitung F.A.Z.-Grafik Freidel/Heumann

„Prism“ ist nur der Auftakt: Das Sammeln großer Datenmengen erlaubt Algorithmen, jede Person zu klassifizieren, ihr Verhalten vorauszuberechnen und auf Basis spieltheoretischer Modelle schlimmstenfalls sogar zu steuern.

          7 Min.

          Wenn das Verteidigungsministerium an die Rüstungsindustrie einen Auftrag zur Fernmeldeaufklärung vergibt, so wie das bei der Aufklärungsdrohne Euro Hawk der Fall war, werden an die Mitarbeiter des Systems besonders strenge Maßstäbe bezüglich Integrität und Loyalität angelegt. Ein Aufklärungssystem wie die Euro Hawk ist ein großer Datenstaubsauger. Es erfasst sämtliche Daten, die uns im Elektrosmog umgeben und damit zwangsläufig auch die sehr persönlichen und vertraulichen Daten unserer modernen elektronischen Kommunikation. Deren Geheimhaltung nimmt die Bundesrepublik Deutschland tatsächlich sehr ernst, soweit ihre Bürger betroffen sind. Grundrechtsschutz hat eine Vorrangstellung und ist mehr als politisches Lippenbekenntnis.

          Europa hat in den vergangenen Jahrzehnten eine hohe Friedensdividende aufgebaut, und das ist gut so. Besonders Deutschland war angesichts seiner Geschichte stets bestrebt, der Verantwortung für ein friedvolles Miteinander gerecht zu werden. Als Folge wurden deutsche Ämter auch in Einrichtungen der Bundeswehr vorwiegend pazifistisch und damit ganz im Sinne einer Verteidigungsarmee besetzt. Der aggressive Bereich der Aufklärung wie mit der Euro Hawk, bei der die Drohne feindliche Truppen möglichst früh ausforscht, bevor ein Einsatz deutscher Soldaten erfolgt, ist in Deutschland mit Blick auf eben seine Geschichte stark unterrepräsentiert.

          Das Atlantische Bündnis im Wirtschaftskrieg

          Auch aus diesem Grund trifft uns der NSA-Abhörskandal bis ins Mark. Es verstört, dass ein Verbündeter gegenüber einem Partnerland ein so hochaggressives Aufklärungsverhalten zeigt. Dabei gehört die Ausforschung deutscher Aktivitäten durch die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten zum Alltag, ganz besonders im Rahmen von Industriespionage und Wirtschaftskrieg.

          Brüssel, Ende der neunziger Jahre: Das Atlantische Bündnis will ein System zur vernetzten Luftverteidigung beschaffen. Ausschlaggebend für die Auftragserteilung sind die beiden Faktoren Abdeckung der Nutzeranforderungen und - der Preis. Am Ende des Bietverfahrens stehen sich zwei Bieterkonsortien gegenüber: eines mit Beteiligung eines deutschen Rüstungsunternehmens und ein amerikanisches Bieterkonsortium. Vor der Auftragsvergabe sind beide Konsortien zur Abschlusspräsentation eingeladen. Wer das beste Angebot zum besten Preis abgeben kann, erhält den Zuschlag. Die Information, wo der Mitbieter diesbezüglich steht, ist daher für den Gegenspieler und die kurzfristige Nachbesserung seines „best and final offer“ Millionen Dollar wert.

          Nicht nur Menschen oder Mobiltelefone sollen im Cisco-Szenario vernetzt sein, sondern möglichst alle Gebrauchsgegenstände.

          Der deutsche Anbieter präsentiert zuerst. Im Auditorium der Beschaffungsagentur sitzen sogenannte „Regierungsberater“. Später am Abend flaniert das deutsche Team an einem Restaurant vorbei. Ein Blick durchs Fenster schafft Gewissheit: Der amerikanische Mitbewerber sitzt mit zwei der sogenannten Regierungsberater beim gemeinsamen Abendessen.

          Vergebliche Aufregung schon damals: Die Beteiligung eines amerikanischen Dienstes an der Ausschreibung für das Rüstungssystem gehörte zu den offensichtlichen Gegebenheiten des Beschaffungsprozesses, bei dem der amerikanische Mitbewerber über Details des deutschen Angebots gerade noch rechtzeitig in Kenntnis gesetzt wurde, um den deutschen Anbieter möglichst zu unterbieten.

          Weitere Themen

          Der Geruch von toter Großmutter Video-Seite öffnen

          Buchmessen-Gastland Norwegen : Der Geruch von toter Großmutter

          Norwegen ist das Gastland der Buchmesse 2019. Feuilleton-Redakteurin Elena Witzeck hat sich im Pavillon umgesehen und ein Land kennengelernt, das stolz auf seine Lesekultur ist. Nur auf Schweden sollte man die Norweger nicht ansprechen.

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.