https://www.faz.net/-gqz-7bbgz

Auf dem Weg zur totalen Überwachung : Wir müssen jetzt handeln

  • -Aktualisiert am

Nachkriegsverträge, die immer noch in Kraft sind

Schon deshalb kann das aktuelle Vorgehen der NSA kaum verwundern. So stellte Steve Wright von der britischen Bürgerrechtsvereinigung „Omega“ bereits 1998 in einem Bericht an das Europäische Parlament fest, dass „innerhalb Europas alle E-Mails, Telefongespräche und Faxschreiben routinemäßig von dem amerikanischen Nachrichtendienst National Security Agency (NSA) aufgezeichnet“ würden. Alte Verträge mit dem amerikanischen Verbündeten aus den Nachkriegsjahren, wonach sich das Gastland Deutschland verpflichtet, den Vereinigten Staaten unter anderem Grundstücke zum Betrieb von Abhöranlagen zur Verfügung zu stellen, sind nach wie vor in Kraft.

Während Systeme zur Auswertung von Daten und der Gewinnung relevanter erkennungsdienstlicher Informationen also im militärischen Einsatz seit langem erprobt sind, sind die technischen Kapazitäten zur totalen Überwachung aller Bürger erst in den letzten beiden Jahren sprunghaft angestiegen. Die massive Nutzung digitaler Gadgets, neue Massenspeicher und die hochgradig parallele Algorithmik auf Supercomputern machen die totale Kontrolle möglich. Neue Datenbankkonzepte erlauben das effiziente Speichern, Säubern und Strukturieren riesiger Datenmengen, die sehr schnell und effektiv durchsucht werden können. Doch die größte Gefahr lauert nicht beim schnelleren Auffinden unserer Daten, sondern darin, viele digitale Fußspuren in einen Kontext zu bringen.

Das vernetzte Ambiente würde natürlich flexibel auf jede Regung des Nutzers reagieren, von der Kaffeemaschine bis zum Auto.
Das vernetzte Ambiente würde natürlich flexibel auf jede Regung des Nutzers reagieren, von der Kaffeemaschine bis zum Auto. : Bild: Grafikdatei: blogs.cisco.com; Überarbeitung F.A.Z.-Grafik Freidel/Heumann

Eine Behörde kann durch Netzwerkanalyse Beziehungsgeflechte zwischen Personen konstruieren oder durch Lageanalyse das Aufkommen krimineller Aktivitäten - sogenannter „hot spots“ - feststellen. Das geschieht durch Hypothesenmanagement. Ein mathematisch-statistisches Modell beobachtet die jeweils aktuellste Datenlage und stellt zum Beispiel die Hypothese auf, dass sich das Zentrum des Drogenhandels in Deutschland von der Stadt A in die Stadt B verschiebt. Die Eintrittswahrscheinlichkeit der Hypothese wird beziffert und beim nächsten Kontrollzyklus vom Algorithmus aktualisiert, bis sich die Informationslage so stark verdichtet hat, dass ein Ermittlungsverfahren initiiert werden kann.

Bei diesem Vorgang handelt sich um eine Datenfusion im engeren Sinne, bei der aus Roh- und Metadaten neue Information erzeugt wird. Während die Öffentlichkeit noch über Speicherdauer und Löschung von Rohdaten diskutiert, stellt sich den Nutzern von Lageanalysesystemen längst die Frage, wie mit der neu erzeugten Information verfahren werden soll. Hat ein Mann mit Namen „Fritz“, dessen Nachname unbekannt ist, in München-Schwabing einen Einbruch begangen, heißen Sie zufällig auch Fritz und wohnen in Tatortnähe, könnten Sie auf einer maschinengenerierten Verdächtigenliste gespeichert werden - eine Information, die Sie ganz sicher nicht über sich gespeichert sehen wollen, denn ohne Not geraten Sie in einen Verdacht, den Sie praktisch nicht mehr ausräumen können.

Weitere Themen

Topmeldungen

Nahostkonflikt : Israels Militär droht Hamas mit gezielten Tötungen

Israels Raketen zerstören ein Hochhaus mit Journalistenbüros im Gazastreifen. Der Armeesprecher kündigt weitere Angriffe auf die Führungsriege der Hamas an. Iran stellt sich hinter sie. Und US-Präsident Biden telefoniert — mit Israels Regierungschef Netanjahu und Palästinenserpräsident Abbas.
Grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock

Grüne : Baerbock will als Kanzlerin Flugreisen verteuern

Solaranlagenpflicht für Neubau, Kurzstreckenflüge sollen obsolet werden: Annalena Baerbock kündigt ein „Klimaschutzsofortprogramm“ an, sollte die Grüne im September Kanzlerin werden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.