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Deutsch-russisches Verhältnis : Politische Rechte sind nicht so wichtig

Der Präsident, der aus der Kälte kam: Wladimir Putin im Kreml. Bild: dpa

In Berlin tagt erstmals das exklusive Körber History Forum. Die Debatte über das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen zeigt spektakulär, auf welches russische Denken wir uns einstellen müssen.

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          Ans Mikrofon tritt jetzt ein Russlandversteher.“ Der Angesprochene machte kurz Anstalten zu widersprechen. Markus Meckel ist gerade kein Russlandversteher in jenem politischen Sinne, in dem der Begriff ins Debattendeutsche eingeführt worden ist. Als im Dezember 2014 sechzig Mitglieder des außenpolitischen Establishments der Bundesrepublik, darunter frühere Inhaber höchster Staatsämter, die Ukraine-Politik der Nato kritisierten, gehörte Meckel zu den Unterzeichnern des Gegenaufrufs. Den vorletzten Außenminister der DDR wird am offenen Brief von Roman Herzog und anderen die Annahme irritiert haben, Grundkenntnisse in der Geschichte Russlands müssten zwingend zu einer kritischen Bewertung der Antwort der Nato auf die russische Annexion der Krim führen: „Leitartikler und Kommentatoren dämonisieren ganze Völker, ohne deren Geschichte ausreichend zu würdigen“ - so der Brief.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Wer einen Begriff davon gewinnen möchte, was Europa in unseren Tagen auseinanderzureißen droht, tut gut daran, konkurrierende Geschichtsbilder zu betrachten. Diese Idee bewog die Körber-Stiftung wohl, ein neues Konferenzformat ins Leben zu rufen: In Berlin tagte jetzt erstmals das exklusive Körber History Forum, das jährlich zusammengerufen werden soll. In fünf Podiumsdiskussionen traktierten Fachleute tagespolitische Streitfragen vor dem Horizont der Geschichte. Die ersten beiden Runden widmeten sich dem Verhältnis zwischen Russland und dem „Westen“. Wenn die Veranstalter beabsichtigt haben, einen Eindruck davon zu vermitteln, auf welches russische Denken wir uns einstellen müssen, ist ihr Vorhaben spektakulär geglückt. Auf der Strecke blieb allerdings die Prämisse des Unternehmens: die Vorstellung, der Austausch über Geschichte fördere Verständigung, wenigstens jene über Differenzen. Die beiden Vertreter der inoffiziellen russischen Kulturdiplomatie auf dem Podium erklärten höflich und bestimmt, Russland benötige kein Verständnis.

          „Die Politik bestimmt die Geschichte“

          Alexey Miller, Geschichtsprofessor in Sankt Petersburg und an der Central European University in Budapest, ließ gleich in seiner allerersten Einlassung die politische Katze aus dem philosophischen Sack: „Wer die Annexion der Krim für illegal hält, wird viele historische Argumente finden. Wer sie für rechtmäßig hält, ebenso viele.“ Kurz gesagt: Geschichte hat für die Krim-Frage und alle Fragen dieser Art keine Relevanz. „Die Politik bestimmt die Geschichte.“ Entspannt lächelnd gab Miller diese Grundüberzeugung des borussischen Liberalen Heinrich von Treitschke zum Besten, mit der impliziten Einladung an das Publikum, sich ins Unvermeidliche der Manipulation zu schicken. Millers jüngstes Buch behandelt den Mythos der Nation. In postmodernen Flügelschuhen überholt seine patriotische Geschichtspolitik alle westlichen Bemühungen um historische Gerechtigkeit durch Diskursanalyse. Die konstruktivistische Nationalismusforschung wird in dieser Variante eben nicht zum Offenlegen erfundener Traditionen und Vereinnahmungen genutzt. In der Millerschen Version ist sie selbst nur schwer angreifbare Geschichtspolitik mit nicht absehbaren Folgen.

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