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Hitler-Attentat : Das andere Deutschland

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Es gab ein Jahrzehnte dauerndes skandalöses Ringen um Entschädigung der Opfer von Hitlers Rache und um ihre rechtliche Rehabilitierung. Hitlers Opfer waren vor Gericht immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, geltendes Recht gebrochen zu haben. Es war aber das Recht eines Unrechtsstaates, gegen den Widerstand geboten und gerechtfertigt war.

Widerstand wird auch im Grundgesetz definiert

Ganz deutlich bringt das die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 zum Ausdruck. Die Völkergemeinschaft hatte sich nie zuvor so eindeutig zum Schutz der dem Menschen innewohnenden Würde bekannt. In der Präambel dieser Erklärung heißt es: „... da es wesentlich ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechts zu schützen, damit der Mensch nicht zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung als letztem Mittel gezwungen ist“. Der deutsche Widerstand hat diesen Aufstand gewagt. Es war das letzte Mittel. Und so ist auch unser Grundgesetz angelegt, wenn es Widerstand definiert. Daraus kann man aber keinerlei Rechtfertigung ableiten, gegen diesen freiheitlichen Staat Gewalt anzuwenden. Gewalt – das muss immer wieder mit aller Klarheit festgestellt werden – ist kein Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele. Gewalt ist kriminell. Unser demokratischer Staat hat sich in seiner Geschichte offen gezeigt für neue Entwicklungen und Reformen, die mit friedlichen Mitteln erreicht werden können.

Botschafter Friedrich Werner Graf von der Schulenburg, hingerichtet in Berlin-Plötzensee.
Botschafter Friedrich Werner Graf von der Schulenburg, hingerichtet in Berlin-Plötzensee. : Bild: Picture-Alliance

Der Widerstand gegen Hitler findet heute Anerkennung. Nicht zuletzt war es der kritischen jungen Generation schon in den sechziger und siebziger Jahren gelungen, das Schweigen zu durchbrechen. Viele zeithistorische Untersuchungen, Dokumentationen, Biographien, Erinnerungen – gedruckt oder als Film – haben dazu beigetragen, dass unsere Gesellschaft sich vielfältig und selbstkritisch mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Es hat keinen Schlussstrich gegeben – bis heute. Der Diskurs hält an. Ein jüngstes Beispiel ist Albert Speer, der sich als unpolitischer Technokrat inszenierte, aber ein übler Kriegsverbrecher war, wie Magnus Brechtken nachweist. Für viele Deutsche war er in den sechziger Jahren ein willkommener Kronzeuge, dass man im Dritten Reich als „guter Nazi“ anständig bleiben konnte. Ich meine, dass diese offene Auseinandersetzung und Aufarbeitung unserer Vergangenheit der Demokratie guttut. Und sie dauert an.

Wir leben bei allen Gefährdungen in einer glücklichen Demokratie

Immer wieder müssen wir uns fragen, was das Vermächtnis des Widerstands gegen Hitler für unser heutiges politisches Handeln bedeutet. Wir leben in einer funktionierenden Demokratie mit der besten Verfassung, die die Deutschen je hatten. Sie ist vom sittlichen Prinzip der Menschenwürde durchdrungen. Wir leben bei allen Gefährdungen in einer geglückten Demokratie.

Bleiben wir uns dennoch bewusst, dass Hitler kein Betriebsunfall der deutschen Geschichte war. Gewisse Entwicklungen in der deutschen Geschichte haben ihm den Boden bereitet. Die Deutschen hatten in ihrer Geschichte durchaus ein zwiespältiges Verhältnis zur Freiheit. „Deutschland hat nie eine Revolution gehabt und nie gelernt, den Begriff der Nation mit dem der Freiheit zu verbinden“, sagt Thomas Mann. Die Deutschen hatten Schwierigkeiten, sich der Welt und gegenüber Europa zu öffnen. Ihnen genügte ihr „Deutschsein“. Und heute hören wir wieder den Ruf „Deutschland den Deutschen“. Wir müssen wachsam bleiben gegenüber allen Wiederbelebungsversuchen nationalistischer, völkischer und demokratiefeindlicher Art. Wir müssen unsere Weltoffenheit verteidigen. Ein Land, das zwei Unrechtsregimes erlebt hat, muss besonders vorsichtig mit Freiheitseinschränkungen sein und immer fragen, ob diese wirklich notwendig sind. Das Grundgesetz garantiert einen viel stärkeren Freiheitsschutz als andere Demokratien. Übrigens: Zurzeit versuchen völkische Politiker sogar, den 20. Juli für ihre Ziele zu vereinnahmen. Das ist eine zum Scheitern verurteilte Anmaßung.

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