https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/attentat-auf-salman-rushdie-zeigt-grausamkeit-der-realitaet-18243635.html

Attentat auf Salman Rushdie : Fatwa, unfassbar

  • -Aktualisiert am

Selbstironie, noch in der schlimmsten Lage: Salman Rushdie Bild: Reuters

Salman Rushdie hatte nach dem Mordaufruf gegen ihn jahrzehntelang versucht, dem Fatalismus zu entrinnen und Freiheit zurückzugewinnen – in der Fiktion und im Leben. Das Attentat auf ihn zeigt die Grausamkeit der Realität, die noch die groteskeste Satire übertrifft.

          3 Min.

          Wie fühlt man sich, wenn man weiß, dass man gerade von Ajatollah Khomeini zum Tode verurteilt wurde? Salman Rushdie beantwortet die Frage auf der ersten Seite seiner Autobiographie: „Ich bin ein toter Mann“, das habe er am 14. Februar 1989 sofort gedacht. Die folgenden siebenhundert Seiten beschreiben, wie er sich von diesem Fatalismus mühsam befreit hat – ein Weg, gepflastert mit Depressionen und Kuriositäten, etwa dem polizeilichen Rat, eine Perücke zu tragen.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Ein fast unvorstellbarer Weg, ruft man sich in Erinnerung, was alles passiert ist, seit der iranische Religionsführer Khomeini an jenem Tag 1989 alle Muslime der Welt aufforderte, den Autor des Romans „Die satanischen Verse“ und alle an dessen Publikation Beteiligte zu töten, weil das Buch den Islam verspotte. Es blieb nicht dabei, dass Rushdie-Puppen verbrannt wurden, es gab tatsächlich Tote und Schwerverletzte. Rushdies japanischer Übersetzer wurde erstochen, sein norwegischer Verleger angeschossen, auf andere Übersetzer wurden Attentate verübt, bei denen weitere Menschen starben. Ein Millionen-Kopfgeld auf Rushdie wurde immer wieder erhöht.

          Das Böse im Gewand der Tugend

          Und dennoch: Nach Jahren im Untergrund fasste Rushdie den Entschluss, seine Verfolger nicht gewinnen zu lassen. Die Fatwa war kein Urteil eines Gerichts, sondern „das Edikt eines grausamen, im Sterben liegenden Mannes“. Auf einer Kirchenkanzel in jenem Land, in dem Fanatiker seine Bücher auf offener Straße verbrannt hatten, in England, nahm der 1947 in Bombay Geborene all seinen Mut zu einer Gegenpredigt zusammen: „Man könnte Khomeinis Fatwa selbst als eine Sammlung satanischer Verse ansehen.“ In der Fatwa erscheine „das Böse im Gewand der Tugend, und die Gläubigen werden getäuscht“.

          Aber auch bei dieser Rationalisierung blieb Rushdie nicht stehen. Er machte noch einen kaum fassbaren Schritt: Er begann schließlich, seine Situation mit Ironie zu betrachten und den Mordaufruf gegen ihn als Stoff für Satire zu behandeln. Das Wagnis einer Serie des amerikanischen Komikers Larry David, die himmelschreiende Lage Rushdies satirisch zur Kenntlichkeit zu entstellen („Fatwa – The Musical“!), trieb er selbst auf die Spitze mit einem Gastauftritt. Als in der Serie gegen David ebenfalls eine Todes-Fatwa ausgesprochen wird, kommt Rushdie zu ihm in die Sendung und rät dem Komiker in einem Sketch, er solle aufhören, sich zu verstecken – schließlich mache die Fatwa ihn sexy und begehrenswert. Nicht nur in der Bereitschaft, sich in dieser Situation selbst auf die Schippe zu nehmen, sondern auch darin, sie zu fiktionalisieren, steckt ein Akt der Selbstermächtigung Rushdies und ein Versuch, sich zu befreien: Er wollte selbst bestimmen, wie über ihn gesprochen wird, und das auch noch in einem von Islamisten verachteten Genre.

          Verzicht auf Personenschutz

          Rushdie bewahrte sich künstlerische Freiheit in seinen weiterhin provokanten, überkandidelt postmodernen Romanen. Und auch in der Lebensführung machte er sich nach Jahren wieder frei, verzichtete dezidiert auf Personenschutz. Er bezeichnete sich in Interviews als optimistisch, so dumm das auch scheinen möge. Er ging wieder öffentlich essen. Er nahm am literarischen Leben teil.

          So auch am vergangenen Freitag, als er im Westen des Bundesstaats New York auf der Bühne der humanitären Bildungseinrichtung Chautauqua saß, um über das Thema „Amerika als Zufluchtsort für verfolgte Schriftsteller“ zu diskutieren.

          Ein 24 Jahre alter Mann aus New Jersey sprang auf die Bühne und begann mit einem Messer auf Rushdie einzustechen. Er verletzte ihn im Gesicht, am Hals, am Arm und in der Bauchgegend. Augenzeugenberichten zufolge konnten mehrere Menschen den Täter kaum davon abhalten, weiter zuzustechen, bevor er verhaftet wurde. Rushdie wurde ins Krankenhaus geflogen und lange notoperiert.

          Seit Freitag verfolgt die Welt schaudernd die Berichterstattung über seinen Zustand. Er werde beatmet, hieß es, und sein Literaturagent Andrew Wylie teilte mit, Rushdie sei an der Leber verletzt worden und werde wohl ein Auge verlieren. Nach langer Unklarheit, ob Rushdie überleben wird, vernahm man Sonntag vorsichtige Kunde seiner Stabilisierung.

          Was inzwischen noch berichtet wurde, ist wiederum kaum zu fassen. Hunderte konnten auf Twitter ihre Freude über den Mordversuch teilen, und eine iranische Zeitung unter Kuratel des geistlichen Oberhaupts Ali Chamenei schrieb, man müsse „die Hand desjenigen küssen, der den Hals eines Feindes Gottes mit dem Messer zerfetzte“. Diese Wirklichkeit übertrifft leider noch die groteskeste Satire.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Akuter Engpaß beseitigt: Der Haushaltsauschuß des Bundestages bewillte den Einkauf von Munition für den Schützenpanzer Puma der Bundeswehr

          Munitionskrise : Granaten für die Ukraine

          Die Munitionsvorräte der Alliierten schwinden. Sie brauchen dringend Nachschub, nicht nur für die Ukraine. Dass es mitunter hakt, liegt an mehr als nur Geld.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.