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Attentat auf „Charlie Hebdo“ : Am Ort des Anschlags

  • -Aktualisiert am

Nach dem Anschlag auf die Journalisten der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ sind die Menschen schockiert Bild: AP

In der Rue Nicolas Appert herrscht Ausnahmezustand. Und die Menschen fragen sich, ob die Redaktion von „Charlie Hebdo“ eigentlich von der Polizei noch geschützt wurde.

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          Die Metrostation Richard Lenoir wird sofort gesperrt. Aufgrund einer „polizeilichen Anordnung“, teilt die Metro per Lautsprecher mit. Minuten nach dem Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitung „Charlie Hebdo“ macht die Polizei die Station dicht und sperrt das Gebiet um die kleine Rue Nicolas Appert weiträumig ab. Dutzende Gendarmen stehen vor und hinter den Absperrungen auf den umliegenden Straßen, bahnen den ankommenden Krankenwagen einen Weg durch die zahlreichen Schaulustigen und begleiten all jene nach Hause, die in einem der Häuser hinter den eilig aufgestellten Gittern wohnen – rein kommt nur, wer sich ausweisen kann. Der kleine Junge, durch dessen große Kopfhörer die Nachricht von dem Attentat offenbar noch nicht gedrungen ist und der jetzt seinen Kumpel besuchen will, wird nicht durchgelassen. „Warum nicht?“, will er von dem Polizisten wissen. „Eh bien“, antwortet der, „es ist eben so.“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nicht alle, die sich am Ort des Anschlags unweit der Place de la Bastille befinden, sind so gefasst wie der Gendarm. Die beiden jungen Männer, von denen sich der eine mit versteinerter Miene auf seinem Motorradhelm niedergelassen hat, während der andere verzweifelt in sein Telefon weint, sind die Einzigen, die von den zahlreichen, ebenfalls sofort anwesenden Journalisten in Ruhe gelassen werden. Sie, das verraten ihre Gesichter, sind Betroffene dieses Anschlags. Da obsiegt die Pietät über die Neugier. Alle anderen, vor allem jene, die sich als Anwohner zu erkennen geben, werden sofort befragt und vor die Kameras und Mikrofone der Reporter gestellt, die zu Dutzenden gekommen sind und aus aller Herren Ländern stammen. Gerüchte verbreiten sich nun in allen möglichen Sprachen, auf Englisch, Hindu, Holländisch und Deutsch. Bald ist nicht mehr von zehn, sondern von zwölf Toten die Rede – und ein jeder fügt hinzu, dass es mehrere Schwerverletzte gebe.

          War die Sicherheit der Redaktion noch gewährleistet?

          Was das Attentat bedeutet, kann sich noch niemand wirklich vorstellen. Auch Cédric Delcros kann das nicht. Er wohnt in der Querstraße der Rue Nicolas Appert und wollte, wie er nun wieder und wieder erklärt, gerade mit seinem Hund spazieren gehen, als Polizei und Feuerwehr anrückten. In dem Viertel, das als ruhig gilt und mit Quadratmeterpreisen um 6500 Euro für Pariser Verhältnisse noch erschwinglich ist, kannten sich die Nachbarn eigentlich alle. „Ich habe mitbekommen, dass die Redaktion von ,Charlie Hebdo‘ hierhergezogen ist. Das war vor etwa einem Jahr“, sagt er. Bis vor zwei Monaten habe die Polizei das Gebäude, einen etwas in die Jahre gekommenen weißen Bau aus den fünfziger Jahren, auch noch Tag und Nacht von zwei Beamten bewachen lassen. Denn erst im November 2011 und nur wenige Tage bevor die damals angekündigte Sonderausgabe mit dem Titel „Charia Hebdo“ erscheinen sollte, war der alte Sitz der Zeitung bei einem Anschlag mit einem Molotowcocktail in Brand gesteckt und nahezu vollständig zerstört worden. Seit ein paar Wochen, sagt Delcros, habe er keine Polizisten mehr vor der Redaktionsadresse gesehen.

          Andere, wie der siebzehn Jahre alte Aaron, wollen erst heute Morgen Gendarmen auf Patrouille beobachtet haben. Als er gegen 7 Uhr sein Haus verließ, habe er sie jedenfalls gesehen, sagt er. Als er gegen Mittag gerade wieder zu Hause war, habe er die Schüsse gehört. „Aber gesehen habe ich nichts.“ Erst jetzt, wenige Stunden nach dem Anschlag, bekommt man beim Blick in die unscheinbare Rue Nicolas Appert einen Eindruck vom Ausmaß dieses Massakers, das Christophe Deloire, der Generalsekretär von „Reporter ohne Grenzen“, als „schwärzesten Tag in der Geschichte der französischen Presse“ beschreibt: Die Straße ist überflutet von Polizisten, Sanitätern und Feuerwehrleuten, die Absperrungen errichten, Journalisten und Schaulustige zum Weitergehen auffordern und das Redaktionsgebäude von „Charlie Hebdo“ sichern, deren neueste Ausgabe an diesem Mittwoch erschienen ist. Auf dem Titelblatt zeigt sie eine Karikatur des Zigarette rauchenden und vollkommen abgemagerten Michel Houellebecq: „Meine Vorhersage für 2015: Ich verliere meine Zähne. 2022 halte ich Ramadan“, steht in der Sprechblase, die auf den ebenfalls heute veröffentlichen neuen Roman des Schriftstellers anspielt. Das Titelbild hat seinen Witz verloren. Die Wirklichkeit, der Massenmord in der Redaktion von „Charlie Hebdo“, taugt für keine Pointe mehr.

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